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Drogenpolitik: Ja zum Bewährten,
kein Konsens beim Neuen
Die Bilder vom Zürcher Platzspitz machten Schlagzeilen
und gingen um die Welt: schwankende Schwerstsüchtige
dort, wo Stadtbewohner auf ihrem morgendlichen Spaziergang
mit dem Hund unterwegs waren, gebrauchte Spritzen – Aids war bereits
ein Thema – neben Kinderspielplätzen,
bettelnde Junkies – wenn auf Entzug, spürbar aggressiv – und
eine ideologisierte, zu nichts führende Debatte.
Bis sich unter dem Eindruck dieses allgegenwärtigen Elendes
allmählich die Einsicht durchsetzte, dass Menschen
auch dann ein Anrecht auf medizinische und soziale
Unterstützung haben, wenn sie ihre illegalen Drogen nicht
aufgeben können.
Ende der 80er Jahre begann eine Entwicklung, deren
Resultate nun im Urnengang vom 30. November 2008
ihre rechtliche Grundlage erhalten sollen: die 4-Säulen-Politik
mit Prävention, Therapie, Schadensminderung
und Repression.
Sie beinhaltet einen breiten Fächer von Massnahmen
und Angeboten. So haben leicht erhältliche, saubere Einwegspritzen
und das damals heiss diskutierte Angebot
der sogenannten «Fixer-Stübli», in denen in Ruhe gefixt
werden konnte, die HIV-Neuinfektionsrate positiv beeinflussen
können. Niederschwellige medizinische Angebote
verbesserten den Gesundheitszustand der Drogensüchtigen.
Teilbetreute Wohnprojekte und Arbeitsprojekte führten
zu einer besseren sozialen Integration. Betreuung und
Therapie haben vielen Menschen wieder eine Perspektive
eröffnet.
Es sind eindrucksvolle Zahlen: 1500 stationäre Therapieplätze,
17500 Menschen mit einer Methadonsubstitution,
1500 Schwerstsüchtige in einer heroingestützten und
etwa 20000 in ambulanter Behandlung: Alle diese Menschen
sind nicht mehr auf der Strasse, sie haben die Möglichkeit,
sich sozial zu stabilisieren, Verantwortung für
ihr Leben zu übernehmen und einen Weg zurück in die
Gesellschaft zu finden.
Die 4-Säulen-Politik ist eine eigentliche Erfolgsstory,
die der Schweizer Drogenpolitik – auch international – zu
positiven Schlagzeilen verholfen hat. Ein Nein an der
Urne wäre ein Rückfall in eine ideologisierte drogenpolitische
Diskussion, die niemand ernstlich wollen kann.
Wer die 4-Säulen-Politik ablehnt, gibt sich der Illusion
einer drogenfreien Gesellschaft hin, die es notfalls mit
Repression durchzusetzen gelte. Wir sehen nirgends auf
der Welt Anzeichen dafür, dass Repression allein zu Lösungen
führt.
Was auch für Cannabis gilt: Repression allein zeigt
keine Wirkung! Die Hanfinitiative versucht, einen Weg
aus einer verfahrenen Situation zu öffnen. Die etwa
500000 gelegentlichen oder regelmässigen Konsumenten
zeigen deutlich, dass sich das Problem nicht polizeilich
lösen lässt. Wir brauchen neue Lösungsansätze – einen
Schutz der Jugendlichen und eine Entkriminalisierung
der Konsumenten, ohne dass die Droge verharmlost wird.
Die Hanfinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk
ebenfalls am 30. November abstimmt, vermochte die Delegierten
der FMH aber nicht zu überzeugen. Sie haben an
der Delegiertenversammlung vom 4. September 2008 an
der Stimmfreigabe festgehalten. Mit einem klaren Ja zum
Betäubungsmittelgesetz sagt die FMH ja zum Bewährten.
Dagegen ist die Stimmfreigabe zur Hanfinitiative als Ausdruck
eines anhaltenden Unbehagens zu werten. Unbestritten
ist, dass die aktuelle Situation nicht befriedigt.
Über den Weg aus der Sackgasse besteht aber noch keine
Einigung. Noch hat die Diskussion über die Droge Cannabis
in der ganzen Gesellschaft einen weiten Weg vor
sich – von einer ideologisierten, von Vorurteilen und Ängsten
geprägten zu einer faktenbasierten und nüchternen
Debatte, die es erlauben wird, konsensfähige und
praktikable Lösungen zu entwickeln.
Dr. med. Christine Romann,
Mitglied des Zentralvorstands der FMH,
Verantwortliche Ressort
Gesundheitsförderung und Prävention
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