Erlauben Sie mir eine etwas befremdliche Frage, liebe Kolleginnen und Kollegen: Haben Sie manchmal auch das Gefühl, das Medizinerdasein sei im Grunde genommen einfach absurd? Für sich allein betrachtet, erscheinen die ärztlichen Tätigkeiten und angestrebten Ziele zwar durchaus vernünftig. So ist es beispielsweise nicht an sich absurd, zehntausende von Franken für eine einzige Behandlung auszugeben, wenn diese dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit genügt. Die Ab­surdität erscheint erst, wenn wir unseren Blick vom speziellen Fall abwenden und beginnen, uns ver­gleichende Gedanken zu machen: über die Tragbarkeit für unsere Solidargemeinschaft zum Beispiel oder über die vielen gesundheitlichen Probleme, die sich – mit ­einem ähnlichen finanziellen Aufwand und nur wenige Flugstunden von uns entfernt – in Angriff ­nehmen liessen. Ja, im Widerspruch zwischen dem medizinethischen Ideal, ganz allgemein Leiden zu lindern, und der alltäglichen Realität des «My patients first»: Da steckt das Absurde. Letzteres findet sich ­natürlich nicht nur in der Medizin. Für Albert Camus (1913–1960) wird es gar zum Paradigma der «conditio humana», der typisch menschlichen Lebenssituation, mit der sich jeder und jede Einzelne auseinander­setzen muss.