Das Herdentier Pferd, welches hauptsächlich über die Körpersprache kommuniziert, reagiert unmittelbar und äusserst sensitiv auf die inneren Vorgänge bei seinem Partner. Seine Muskelspannung, Atemfrequenz, sein Pulsschlag und damit sein emotioneller Zustand schwingen synchron mit den entsprechenden Veränderungen bei seinem Partner Mensch mit. So hat mich mein Pferd bei einem Ritt im Sturm mit Glatteis gelehrt, dass anscheinend gewisse Gedanken eine unmittelbare und tiefere Entspannung bringen als zum Beispiel bewusstes Atmen. An einer gewissen Stelle kam in mir damals automatisch der Gedanke «jetzt bisch grettet» hoch. Praktisch zeitgleich tat mein Reitpferd einen tiefen Entspannungsatemzug. Gedankenlesen kann mein Pferd nicht. Aber es kann meinen Körper wahrscheinlich besser lesen als ich selber. Also habe ich den Gedanken nochmals gedacht und mich beobachtet. Und siehe, meine Atmung entspannte sich reflexartig. Wunderbares Therapiematerial. Die Patientin führt das Pferd. Dieses atmet plötzlich tief aus. Frage: Oh, ihr Pferd hat gerade tief ausgeatmet und entspannt, an was haben Sie gerade gedacht? Wenn ich dann noch meine Sturmrittgeschichte erzähle, ist den Patienten sofort klar, was ich meine. «Wir haben es geschafft», «ich habe gar nichts gedacht», können dann Antworten sein. Damit lernen sie ihre unterschiedliche Körperspannung wahrzunehmen und dass diese mit ihren Gedanken zusammenhängen kann, sie also nicht nur von aussen abhängig sind, sondern sich selber auch beeinflussen können. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Gefühle. Zeigt der Co-Therapeut Pferd Stresszeichen, stellt sich die spannende Frage, hat er sich wegen eines Raschelns im Gebüsch erschreckt, möchte er endlich seinen Hafer, bin ich, der Herdenboss, angespannt (das heisst: Auch ich muss mich mit meinen Gefühlen einbringen), oder eben, hat es mit der führenden Patientin zu tun. So können die Patienten sehr indirekt und freilassend auf ihre Gefühle angesprochen werden. Da sie in einer entspannten und freudvollen Atmosphäre sind, die Pferde lieben und mit ihnen gerecht sein möchten, kommen immer sehr ehrliche Antworten über ihren momentanen Zustand. Ich bedanke mich dann auch bei ihnen, da ich letztendlich durch ihre Offenheit mehr über das Zusammenspiel Pferd–Mensch erfahren darf, was wiederum anderen Patienten weiterhelfen kann.