Zur alltäglichen Kontaktaufnahme mit den Dingen um uns herum bevorzugen wir in aller Regel unsere visuel­len Kapazitäten. Dabei schlüpfen wir in die Rolle des distanzierten Beobachters und vernachlässigen damit die, dem Tastsinn zugänglichen, stofflich-materiellen Qualitäten. Auch bei zwischenmenschlichen Begegnungen setzen wir üblicherweise auf Abstand. Wir kommunizieren mit Hilfe von Gesten und Lauten und vermeiden dabei – Begrüssungsrituale einmal ausgenommen – tunlichst jede körperliche Berührung. Eine Ausnahme macht in dieser Hinsicht die Technik der medizinischen Palpation, wo gerade das Ertasten einer veränderten Stofflichkeit wichtige diagnostische Hinweise liefern kann. Heutzutage trägt jedoch die körperliche Untersuchung nur noch einen kleinen Teil zur Gesamtbeurteilung krankhafter Zustände bei. Sie ist zugunsten der modernen, bildgebenden Methoden und der verschiedenartigen funktionellen und chemischen Analysen weitgehend in den Hintergrund getreten. Der Arzt und die Ärztin begegnen somit der materiellen Natur ihrer Patienten meist nur noch indirekt: im verengten Gesichtsfeld einer dicken, medizin­technischen Brille. Die stofflichen Eigenschaften des menschlichen Körpers verstecken sich dabei so­zusagen hinter dem morphologisch Sichtbaren und funk­tionell Errechenbaren. Unter diesem Verlust an ­direktem Kontakt zur behandelnden Person kann dann schliesslich auch die Dignität unserer Organe leiden: Sie laufen Gefahr, zum anonymen Spielball des medizinischen Forscherdrangs zu werden.