Wir leben gefangen in einer Höhle und betrachten die Schatten an der Wand. Sie sind die Abbilder einer übergeordneten, wirklicheren Ideenwelt ausserhalb. Anhänger eines radikalen Konstruktivismus, einer Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts, haben die Höhle in den Kopf verlagert. Jede Wahrnehmung ist subjektiv, kognitive Strukturen sind neuronale Anpassungen an die Umwelt, genetisch und epigenetisch festgelegt. Unser Gehirn bestimmt, was wir von der Aussenwelt wahrnehmen. Die moderne Hirnforschung entspricht dieser konstruktivistischen Position. Die postnatale Entwicklung des Nervensystems ist bis zur ­Pubertät ein Auf- und Abbau neuronaler Verbindungen. Eine Verschaltungsarchitektur mit strukturellen Veränderungen, die sogar im Mikroskop sichtbar sind. Vor allem visuelle Leistungen des Gehirns sind seit den 1930er Jahren gut erforscht. Ohne vorgegebene Konstellationen von Mustermerkmalen und Gruppierungskriterien können wir keine Bildelemente ­erfassen. In den 1980er Jahren ­provozierte der Neurophysiologe Benjamin Libet einen Streit um die Willensfreiheit. Er wies nach, dass bereits vor dem Gedanken an eine motorische Handlung ein Bereitschaftspotential auftritt. Diese Erregung geht 350 Millisekunden der ­bewussten Intention voraus. Bewusste Willensakte sind eine nützliche Illusion, vorbestimmt in einem ­unbewussten Hirnprozess. Der damalige Aufreger scheint im Zeitalter funktioneller Magnetresonanz­tomografien schon fast naiv. Immer mehr Fähigkeiten des Gehirns werden in künstlichen, informations­verarbeitenden Systemen nachgebaut. Phänomene wie Glücksgefühle, Angst oder freier Wille existieren nur im subjektiven Erfahrungsbereich. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind sie soziale Konstruktionen, zweckmässig, da sie uns helfen für jeden Zustand ­unserer Existenz eine kausale Erklärung zu liefern. Das Neuste kommt von Facebook, Tesla und Google. Brainreading, Gedankenlesen ist zumindest für einfache Bildvorstellungen möglich. Neuronale Aktivitätsmuster werden gemessen und einem gedachten Inhalt ­zugeordnet. Der Computer kann mit hoher Treff­sicherheit die Vorstellungen richtig erkennen. Eine Mensch-Maschine-Schnittstelle scheint sich abzuzeichnen. Medizinische Anwendungen und militärische Interessen treiben die Forschung mit riesigen Geldsummen voran.