Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen: Wann haben Sie ­eigentlich das letzte Mal so richtig gestaunt? Damit meine ich nicht die kontemplativen Momente ästhe­tischen Wohlgefallens oder die ultimativen Kicks ­lautstark angepriesener, brandneuer Features und stunning adventures. Vielmehr denke ich dabei an ­Augenblicke des sprachlosen Innehaltens angesichts der Existenz von Fremdem und Unbekanntem. An ­einen ambivalenten Gefühlszustand zwischen Verunsicherung und Neugier. Wir Ärzte und Ärztinnen erleben solche speziellen Momente etwa bei Beginn des Studiums, als Novizen in einer Intensivpflegestation oder auch angesichts der ersten Patienten, für die wir uns ganz allein verantwortlich fühlen. Sicher wundern wir uns auch später noch über die Fülle von Über­raschendem und Unerwartetem, das unser Mediziner­leben mit sich bringen kann, doch das Sprichwort sagt es: Der Fachmann staunt nicht mehr. Ist dies nun als Zeichen beruflicher Emanzipation zu begrüssen oder sollen wir im Gegenteil dazu Sorge tragen, das Staunen nie ganz zu verlernen? Um diesen Zwiespalt etwas auszuleuchten, lohnt es sich bestimmt, bei unseren intellektuellen Vorfahren anzuklopfen.