Im modernen Medizinbetrieb beruft sich kaum jemand auf den hippokratischen Eid. Wichtiger sind Standesordnungen oder die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Bestenfalls ist der antike Text eine historische Vorlage für die vom Weltärztebund mehrmals revidierten Fassun­gen des Genfer Gelöbnisses. Jede Medizin zu jeder Zeit spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Am besten zeigt dies das Beispiel der deutschen Ärzteschaft in der Weimarer und NS-Zeit. Mit der «Neuen Deutschen Heilkunde» verpflichteten sich die Ärzte auf die zentrale Pflicht der Gesundheitsführung im Dienst der bevölkerungspolitischen und rassehygienischen Aufgaben des Staates. Die vom jüdisch-marxis­tischen Einfluss gesäuberte Schulmedizin hatte den Schutz des Volksganzen und der Rasse zum Ziel. Naturheilkundliche und lebensreformerische Konzepte orien­tierten sich an einer Billigmedizin, die Krankheit immer offener zum Verschulden des Einzelnen erklärte. Tendenziell haben einige dieser Forderungen untergründig bis heute überlebt.