Einleitung
Der Mensch ist ein hochassoziiertes, genial gestaltetes Bionetzwerk der Evolution. Es ist der Evolution für den Menschen gelungen, einen höheren Intellekt, eine verfeinerte Emotionalität mit Fähigkeit zur Empathie und Trauer und die Befähigung zur feinmotorischen Tätigkeit zu einer Ganzheit zu vernetzen. Der Mensch ist das einzige Tier, welches mit Planungsfähigkeit begabt ist und gleichzeitig den Willen entwickeln kann, Pläne durch Aktivität umzusetzen. Die Evolution hat den Menschen zur Sicherung des Lebens und Überlebens mit zwei Schmerznetzwerken ausgestattet: mit dem somatisch-nozizeptiven Schmerz, welcher körperliche Schädigungen «meldet», und mit dem isometrischen Verspannungsschmerz, welcher den Menschen zwingt, ergonomisch ungünstige Positionen zu vermeiden, um das freie Muskelspiel zu gewährleisten. Wir konstatieren beim Menschen noch eine 3. Schmerzart,für die wir oft keine Ursache finden. Man spricht dann etwa von «unklaren Schmerzen» oder «somatoformen Schmerzen» oder eventuell auch von Fibromyalgie. Schon seit der «Hysterie-Zeit» – ca. 1870–1900 – ist bekannt, dass eine schwere emotionale Störung zu den vielfältigsten Körperfühlstörungen, von Anästhesie bis zu Hyperästhesie, und zu einer ebenfalls breiten Palette von neuromuskulären Phänomenen führen kann. Diese können sowohl Lähmungen wie auch Spasmen umfassen. Im Lehrbuch des berühmten Neurologen Hermann Oppenheim (1905) [1]schreibt der Co-Autor, welcher das Kapitel «Hysterie» bearbeitete, er habe «keine Hysterika gesehen, die nicht an Schmerzen gelitten hätte». Heute spricht man nicht mehr von «Hysterie», sondern von «dissoziativen Störungen». Der Autor konnte generell bei Gutachtensklientinnen und -klienten mit dieser Diagnose beobachten, dass hier auch die Schmerzschwelle dissoziiert war. Sigmund Freud und Josef Breuer präsentierten 1895 eindrückliche Fälle von Schmerzpatientinnen mit gleichzeitigen neuromuskulären Symptomen [2].In ihrem Buch legten sie ein psychoanalytisches Diagnose- und Therapiemodell vor. Es war ebenfalls Sigmund Freud, welcher 1895 die Angst als Ursache chronischer Schmerzen beschrieben hat [3]. In den letzten Jahrzehnten hat man erkannt, dass chronische unklare Schmerzen auch ein Symptom einer somatisierten Depression sein können [4].