Medizinisches Handeln setzt Denkmodelle um, die ihrerseits Veränderungen unterworfen sind. Auf die Psychiatrie trifft dies umso mehr zu, als ihre wissenschaftlichen Konzepte nicht nur methodisch besonders heterogen sind, sondern auch markant stärker von gesellschaftlich-normativen Rahmenbedingungen abhängen, als es etwa in operativen Fächern der Fall ist. Und so ist denn auch die psychiatrische Begriffsgeschichte geprägt von divergierenden Ansätzen, die sich jeweils irgendwo zwischen den Polen Hirnforschung, Hermeneutik und Sozialwissenschaft einordnen lassen. Regelmässig entstehen auf diese Weise grundsätzliche Debatten zum «Wesen» der Psychiatrie, aber auch Polemiken gegen etablierte Methoden, psychische Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Ich erinnere an die Vehemenz der antipsychiatrischen Kritik in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.