Die Humangenetik stellt heute zweifellos eine Leit­disziplin innerhalb der Medizin dar. Die zentralen ­Methoden der heutigen Humangenetik bildeten sich indessen spät heraus. Das Gebiet der humanen Zyto­genetik erlebte erst Ende der 1950er Jahre einen ful­minanten Aufstieg, und bis zur Herausbildung der ­mo­lekularen Humangenetik dauerte es ein weiteres Jahrzehnt. In Lehr- und Handbüchern der Human­genetik wird denn auch gemeinhin auf die sehr junge Geschichte der Humangenetik verwiesen. Erst nach 1945 habe sich die Humangenetik zu einer eigentlichen Wissenschaft entwickelt und sich innerhalb der Medizin als eigenständiges Forschungs- und Praxisfeld etabliert. Eine solche Darstellung blendet aus, dass das Studium der menschlichen Vererbung bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Forschungsbereich der Medizin aufgestiegen war. Ausgeklammert bleibt dabei auch ein dunkles Kapitel der Geschichte der Humangenetik: Viele prominente Figuren der frühen Humangenetik waren in der eugenischen Bewegung engagiert, und die meisten Humangenetiker teilten die Grundüberzeugung der Eugeniker, dass Massnahmen erforderlich seien, um «genetisch hochwertigen» Nachwuchs zu fördern und «genetisch minderwertigen» Nachwuchs zu verhindern. Auch für die Schweiz lässt sich zeigen, dass die Geschichte der Humangenetik untrennbar mit derjenigen der Eugenik verbunden ist. Meine Forschungen zu den Anfängen der schweizerischen Humangenetik weisen zudem auf einen weiteren Zusammenhang hin, an den ungern erinnert wird: Der Aufstieg der humangenetischen Forschung erfolgte in engem Austausch mit der Wissenschaft und Eugenik in Nazideutschland. Dies soll nun am Beispiel des Zürcher Humangenetikers Ernst Hanhart verdeutlicht werden.