Einleitung

Patientinnen und Patienten mit chronischen unklaren Schmerzen stellen eine bedeutende Gruppe in Insti­tu­tionen der Medizin westlicher Industriegesellschaften und bei Abklärungen zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit dar. Ab 1990 klassifizierten wir unsere Gutachtensklientinnen und -klienten, die an chronischen Schmerzen litten, oft als «Fibromyalgie». Das Fibromyalgie-
Modell befriedigte letztendlich nicht, so dass wir ab etwa 2000 immer mehr auf die Diagnose respektive korrekter gesagt «Klassifizierung» Anhaltende somatoforme Schmerzstörung ICD-10 F45.4 übergingen. Als Diagnose eignet sich F45.4 nicht, führt sogar auf Irrwege. Unsere Analyse von Hunderten von Gutachten ergibt, dass wir als Hauptdiagnose – mangels eines Besseren – dennoch oft den Terminus Anhaltende somatoforme Schmerzstörung verwenden. Parallel dazu erkannten wir in den letzten 15 Jahren, dass die Depression die häufigste Ursache sogenannter «somatoformer» Schmerzen darstellt; die Depression jedoch wird vom ICD-10 F45.4 ausdrücklich ausgenommen. Gleichzeitig bietet ICD-10 F45.4 keine Handhabe, Patienten mit chronischen unklaren Schmerzen ohne psychische Erkrankung oder psychosozial schwerwiegende Belastungen ätiopathogenetisch schlüssig klassifizieren zu können.