Bei der Entäusserung seiner selbst, dem Aus-sich-Heraustreten, beziehungsweise der Entfremdung von sich selbst, dem endgültigen Verlassen des eigenen Wesens, handelt es sich um Begriffe, denen wir sowohl im beruflichen Alltag als auch in verschiedenen philosophischen Schriften begegnen. Die Erstere kann durchaus als ein positives Geschehen verstanden werden, besonders weil es sich hier in der Regel eher um einen zeitlich limitierten Vorgang handelt, während die Entfremdung in einen unerwünschten Dauerzustand führen kann, der dann häufig pathologische Züge aufweist. Das vorübergehende Verlassen des gewohnten, persönlichen Istzustandes kann zwar zu Konflikten mit sich selbst und dem sozialen Umfeld führen, bildet aber andererseits öfters die Grundlage herausragender individueller Leistungen. Gerade in der Medizin, wo ohne aufgeschlossenes und utopisches Den­ken kein wirklicher Fortschritt denkbar ist, sind wir auf aussergewöhnliche Persönlichkeiten angewiesen, die bereit sind, individuelles Risiko und bedeutende private Opfer zum Wohle der Allgemeinheit auf sich zu nehmen. Man denke in diesem Zusammenhang an die unermüdlichen Pioniere der Infektiologie oder der klinischen Radiologie, die in ihrem Forscherdrang oft kaum an die eigene Gesundheit dachten. Meist hält sich aber in diesen Fällen das Phänomen der Entäusserung in Grenzen, und der Mensch findet dann, durch die intensiv gelebte Erfahrung eher bereichert, wieder zu sich selbst zurück. Dies gilt auch für anderweitiges Ausser-sich-Treten, zum Beispiel während der Fasnachtszeit, dem manchmal sogar indivi­duell- und sozialtherapeutische Wirksamkeit zugesprochen wird.