Lange Arbeitstage, hohe Verantwortung, unermüdlicher Einsatz und administrativer Overkill. Mit diesen Anforderungen sah sich das Gesundheitssystem der Schweiz während der Corona-Pandemie konfrontiert. Kein Wunder, dass es aus gesundheitlichen Gründen bei Kantonsärztinnen und -ärzten sowie bei Ärztinnen und Ärzten in Spital und Praxis zu Ausfällen kam. Chronischer Stress führt zu zahlreichen psychischen und körperlichen Beschwerden und kann dazu führen, dass man krank wird und seinen Beruf wechselt oder sogar aufgibt. Dies ist keine neue Entwicklung: Bereits 1996 berichteten Lindeman et al. [1] über erhöhte Suizidraten bei Ärztinnen und Ärzten. In der Schweiz steigt die Rate von Depressionen und Burn-out in der Ärzteschaft kontinuierlich an. [2] Dass wir uns eine überlastete und ausgebrannte Ärzteschaft und ein überfordertes Gesundheitssystem nicht leisten können, hat uns die Corona-Pandemie deutlich vor Augen geführt. Um die Versorgung zu sichern und langfristig ein funktionierendes Gesundheitssystem betreiben zu können, brauchen wir gesunde Ärztinnen und Ärzte. Berufsethos, Befürchtungen über die soziale Akzeptanz oder negative Auswirkungen auf die Karriere führen dazu, dass nur ein kleiner Teil der betroffenen Ärztinnen und Ärzte professionelle Hilfe aufsucht. Die Ursachen für die Ängste liegen tief in der Kultur der Medizin verankert. Strenge Hierarchie und Fehlerkultur sowie unrealistische Ideale sind Treiber dieser Ängste. Vonseiten der Patienten und Patientinnen, aber auch von Kostenträgern und Politik kommt der Anspruch, dass jederzeit die beste Behandlung zur Verfügung stehen muss, und zwar zum günstigsten Preis. Es wird erwartet, dass die behandelnden Ärztinnen und Ärzte fehlerlos arbeiten und jederzeit alle Hebel in Bewegung setzen, um die Gesundheit ihrer Patientinnen und Patienten zu sichern. Dies ist nachvollziehbar, jedoch können langfristig nur gesunde Ärztinnen und Ärzte eine optimale Medizin leisten. Kaum eine andere Berufsgruppe ist solch einem Leistungsdruck ausgesetzt. Bedenkt man, dass zu dieser Belastung der Anspruch kommt, akademische Höchstleistungen zu erbringen, in der Forschung aktiv zu sein und daneben ein normales Sozialleben zu pflegen und eine Familie zu gründen, wird verständlich, weshalb Ärztinnen und Ärzte häufiger an psychischen Erkrankungen leiden als die Allgemeinbevölkerung. Auch junge und zukünftige Hausärzte sind dieser Belastung ausgesetzt: 49% der Befragten berichten von hohen Stresslevels, 17% hatten bereits ein Burn-out oder eine Depression. [3] Die ohnehin langen Arbeitstage der Ärztinnen und Ärzte werden durch grossen, teilweise sinnfreien administrativen Aufwand zusätzlich verlängert. Weiter- und Fortbildungen werden bewusst in Pausenzeiten und auf Wochenenden gelegt, damit keine Behandlungszeit am Patienten verloren geht. Es ist nahezu unmöglich, so eine gesunde Work-Life-Balance zu erreichen. Gründe genug, die Charta Ärztegesundheit zu verfassen, welche von der Delegiertenversammlung einstimmig angenommen wurde. Gemeinsam stehen wir ein für ein nachhaltig gesundheitsförderndes Gesundheitssystem in der Schweiz, sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Ärztinnen und Ärzte. Lesen Sie mehr über die Charta und die Notwendigkeit zu handeln auf Seite 663.