Jeremy Bentham (1748–1832), das spleenige Multitalent aus einer reichen Familie, ist als Ökonom und Vordenker des Utilitarismus in die Geschichte eingegangen. Das Glück der grössten Zahl ist die neue Grundlage seines Rechtssystems. Was muss ich tun, um der grösstmöglichen Zahl von Menschen das grösstmögliche Glück zu ermöglichen? Nicht Gott oder die Natur, nur Menschen bestimmen, was Recht oder Unrecht ist. Fortan sollen sinnvolle Regelungen gelten, damit die Gesellschaft reibungslos, ohne moralische Fragen funktioniert. Motive zählen nicht, nur die Folgen für die Allgemeinheit. Was gilt, ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Der wohlkalkulierte Eigennutz des Einzelnen ist verlässlicher als der Wille zum Guten. Bentham erfand das Panopticon, einen Kuppelbau mit radiär angelegten Zellgängen, die ein einziger Gefängniswärter überblicken konnte. Ein Big-Brother-Knast, der ihm die Ehrenbürgerschaft der französischen Revolutionäre eintrug, aber nie nach seinen detaillierten Plänen verwirklicht wurde. Bentham glaubte an eine totale Prävention durch Transparenz. Als typischer Aufklärer war für ihn jeder vernünftige Mensch erziehbar. Seine multifunktionale Zuchtanstalt war auch als Armenhaus, Schule oder Spital konzipiert. Internierte Bettler und Aktionäre sollten gegenseitig profitieren. Eine Idee, ähnlich der prosperierenden Mikrofinanz-Industrie, die heutigen Anlegern eine satte Rendite verspricht. In seinem idealen Staat wird jeder Mensch überwacht, denn nur völlige Kontrolle schafft völlige Sicherheit, und nur Sicherheit garantiert Freiheit. Daten­profile und Gesichtserkennung garantieren eine lückenlose Überwachung. Sie steigern die Nachfrage nach Gefängnissen. Wer das Bauen zu Hause üben möchte, kann mit Minecraft beliebig Menschenkäfige entwerfen. Allein in den USA waren im Juli 2019 2 121 600 Einwohner inhaftiert, weltweit sind es offiziell rund 11 Millionen Gefangene.