Erst kommt das Fressen und dann die Moral, schrieb Brecht in seiner Dreigroschenoper. Ohne Brot keine Spiele. In pharaonischen Gräbern findet man Miniaturbäckereien für die Toten im Jenseits. Immer wieder führten Naturkatastrophen und Kriege zu Ernährungskrisen und Hungersnöten. Im Kriegsjahr 1914 gab es in Deutschland eine Anstecknadel «Das letzte Kipfel», aus dem Verzicht wurde eine Heldentat. Doch Not macht auch erfinderisch. Es gibt viele Beispiele für Streck- und Ersatzstoffe. Etwa Zichorienkaffee aus den Wurzeln des Löwenzahns oder Muckefuck, ein Wort aus Mocca faux für falschen Kaffee. Die Kontinentalsperre zu Zeiten Napoleons förderte den Erfindergeist. Mar­garine als Butterersatz steigerte die Schlagkraft des Militärs, die Züchtung ertragreicher Zuckerrüben und der forcierte Anbau brachten den Kunsthonig und machten die Kontinentalmächte vom englischen Rohrzucker unabhängig. Der Kartoffelanbau, obrigkeitlich durchgesetzt, befreite Preussen von Getreideeinfuhren. Was wir essen oder nicht essen, hat strategische Bedeutung. Aus Abfallprodukten der Zuckergewinnung entsteht Bagasse; die ausgepresste Pflanzensubstanz ist ein vielseitiger Rohstoff. Gefördert durch die Kriegswirtschaft, werden daraus seit 1939 Papier und Zellstoff gewonnen. Ingenieure fertigen aus dem Futtermittel Spanplatten und Sitzmöbel. Aus ­einem weiteren Nebenprodukt, der Melasse, entstand die Rumfabrikation. Sie sicherte England eine dreihundertjährige Seeherrschaft, denn jeder britische Seemann erhielt an Bord zweimal täglich eine Gratisportion Rum. Durch Pyrolyse von Melasse und weitere chemische Aufspaltungen entsteht Blausäure, die über die Bekämpfung von Schädlingen, als Zyklon B, eine fürchterliche Bekanntheit erlangte. Heute ist die Melasse der wichtigste Rohstoff bei der Herstellung von Backhefe.