An der Documenta 2017 in Kassel konnte man einen Tempel der verbotenen Bücher bewundern. Ein gross dimensionierter Parthenon, gepflastert mit zehntausenden Umschlagbildern einst oder heute verbotener Werke aus der ganzen Welt. Eine kleine Gruppe von Germanisten hatte in kürzester Zeit eine Liste für das Projekt der argentinischen Künstlerin Marta ­Minujin zusammengestellt. Die Liste umfasste damals 70 000 Titel, inzwischen sind es weit über 100 000. ­Bekanntestes Vorbild ist immer noch der Index librorum prohibitorum der römischen Inquisition, ein Verzeichnis, das 1559 begann und bis zur Aufhebung 1965 rund 6000 Bücher umfasste. Die wenigsten Länder führen Zensurlisten. Vor allem in der NS-Zeit wurden verbotene Autoren akribisch aufgelistet. Fündig wurden die Forscher in Ar­chiven der Sowjetischen Besatzungszone, dem Vor­läufer der DDR und in Archiven des Habsburgerreiches. Ergiebige Befunde gaben ­Recherchen in Lateinamerika, in Osteuropa und der Türkei. Häufiger sind indirekte Zensurmethoden, etwa Bücher, die still aus ­Bibliotheken entfernt werden, vorgeschobener Papiermangel, vorgeschobener Jugendschutz, Blasphemie, Pornographie oder Übersetzungsschikanen.