«Toute vérité n’est pas bonne à dire.» Dieses französische Sprichwort des 13. Jahrhunderts traf voll zu, wenn zu meiner Assistentenzeit eine unheilbare Krankheit wie Krebs diagnostiziert wurde: Die Diagnose durfte nicht dem Patienten, sondern allenfalls der Familie mitgeteilt werden. Oder an den Sippenchef: So war es, als wir einen Roma behandelt hatten und sich der eher bedrohliche Clan im Hof des Spitals niedergelassen hatte. Heute ist es unsere Pflicht, die Patienten zu informieren, und schon die Studenten lernen, wie man schlechte Nachrichten vermittelt. Aber es gibt immer noch viele Regionen auf der Welt, wo es nicht üblich ist, den Patienten die Wahrheit zu sagen: Die Pflege, die auch die Information beinhaltet, ist Sache der Familie oder der Sippe. Dies zu erkennen ist wichtig im Umgang mit Patienten anderer Herkunft. Die Wahrheit zu sagen, eine für uns so selbstverständliche Pflicht, muss also an die soziale und kulturelle Situation des Patienten angepasst werden. Aber geben wir zu, dass es auch für uns nicht immer selbstverständlich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Könnte zum Beispiel die Aufzählung aller möglichen Nebenwirkungen eines Medikaments nicht die vom Patienten erwartete positive Wirkung – den Placebo-Effekt – verringern und damit der Genesung abträglich sein? Ethik und Deontologie sind nicht immer leicht in Einklang zu bringen ...