Infolge seiner wissenschaftlich orientierten Prägung sah Dr. Homunculus schlichtweg keinen Grund, das ­eigene, schulmedizinisch geprägte Weltbild auf irgendeine Weise ergänzen zu müssen. Hatten doch die akkurate Beobachtung von Kausalzusammenhängen und die bewährte Trial-and-Error-Methode viele Naturgeheimnisse lesbar gemacht, und den «Göttern in Weiss» äusserst wirksame Instrumente in die Hand gegeben. So verstand denn unser Kollege, im Einklang mit gängigen Lehrmeinungen, die gesamte Natur als an sich sinnloses, auf Ursache und Wirkung beruhendes ­Objekt, das vorab der «Krone der Schöpfung» zu dienen hatte. Ohne solche Positionen wirklich zu hinterfragen zeigte er aber trotzdem eine gewisse Sensibilität seiner Umwelt gegenüber. Angesichts betörend schöner Landschaften und erhabener Bergwelten bezeichnete er sich gerne als Romantiker, und immer wieder ertappte er sich dabei, der Natur Eigenschaften einzuräumen, die aus rationaler Sicht unsinnig erscheinen mussten: schöpferische Kraft zum Beispiel, aber auch eine innere Ordnung und zweckmässige Ausgestaltung oder – wenn sie denn schon beim Klimawandel auf ihre Frevler zurückschlagen sollte – sogar eine gewis­se Handlungsfreiheit. Folgende kollegiale Radio­botschaft aus einem norditalienischen Covid-19-­Hotspot schien diese beunruhigende Spekulation zu bestätigen: «Was das Virus will, ist viel mehr, als wir tun können.»