Im 18. Jahrhundert hatte der holländische Arzt Hermann Boerhaave jedem Menschen «seine besondere Gesundheit» attestiert [1], dem zu Beginn des folgenden Jahrhunderts der Autor Ludwig Börne beipflichtete: «Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.» [2] Heute gibt es ungefähr 30 000 Krankheiten und maximal zwei Gesundheiten: die Gesundheit in der Selbstwahrnehmung der einzelnen Person und die Gesundheit aus Public-Health-Perspektive. Gesundheit zeigt sich paradoxerweise gerade in einer spezifischen Form von Abwesenheit. Der Chirurg René Leriche entdeckte sie im «Schweigen der Organe» [3] und in den Augen des Philosophen Hans Georg Gadamer war sie nicht etwas, «das sich bei einer Untersuchung zeigt, sondern etwas, das gerade dadurch ist, dass es sich entzieht» [4]. Dazu passt der Befund des Medizinhistorikers Cornelius Borck zum Gesundheitsbegriff in medizinischen Lehrbüchern: «Gesundheit ist kein Gegenstand der heutigen Medizin.» [5] Nebenbei bestätigt die Beobachtung die verbreitete Alltagsmeinung, dass es für die eigene Gesundheit riskant sei, sich in die Hände der Medizin zu begeben. Gesundheit kann nicht dort gesucht werden, wo Menschen hingehen, wenn sie krank sind und sich körperlich und/oder psychisch unwohl fühlen. Wer das allerdings als Medizinkritik missversteht, hat nicht begriffen, worum es in der Medizin geht.