Unter Substanzen verstehen wir Ärzte und Ärztinnen normalerweise chemisch-pharmakologische Stoffe, von denen wir dann wenigstens hoffen, dass sie die ange­priesenen günstigen Effekte zum Vorteil unserer Patienten auch ausüben werden. Man kann den Begriff der Substanz aber auch ganz anders auffassen. Nicht als etwas Dynamisches und Wirkkräftiges, sondern im Gegenteil als eine den Dingen innewohnende Trägheit und Unverrückbarkeit: ein Fixpunkt und Ruhepol inmitten variabler Eigenschaften und situativer Begebenheiten. So bleibt der hauseigene Vierbeiner immer «unser Hund», ob er nun als wedelnder Wollknäuel oder als knurrender Postbotenschreck erscheinen mag. Auch was unser Selbst anbetrifft, setzen wir natürlicherweise etwas Konstantes voraus: ein Ich als Träger der charakterlichen Eigenschaften und als ­Protagonist des eigenen Lebenslaufs. So bewahren wir beispielsweise in unserem Inneren – allen seelisch-­körperlichen Veränderungen zum Trotz – ein erstaunlich zeitresistentes Selbstverständnis: vom erinnerten ­Studenten-Ich bis hin zum aktuellen Berufs- oder ­Pensionärs-Ich. Diese Gewissheit einer dauerhaften persönlichen Identität veredelt unsere tägliche Selbsterfahrung und kann gleichzeitig hilfreich sein, unsere Patienten in ihrer individuellen Besonderheit zu verstehen und zu respektieren.