Sterben im Zeichen von therapeutischen Entscheidungen

Sterben verändert sich im Verlauf der Zeit. Es ver­ändert sich insbesondere im Blick auf das immer grös­ser werdende Arsenal an medizinischen Möglichkeiten zur Lebensverlängerung. Neue minimalinvasive ­Eingriffe führen zu einem steten Hinausschieben der Grenzen des Machbaren. Das führt einerseits dazu, dass der Tod immer weniger plötzlich und unvermutet in ein menschliches Leben einbricht; immer häufiger ereignet sich das Sterben im Kontext einer länger sich hinziehenden Multimorbidität im hohen Alter. Andererseits stellt sich in dieser Lebensphase zunehmend die Frage, bis wann es sinnvoll und wünschbar ist, ­unter Ausschöpfung der heutigen medizinischen ­Möglichkeiten gegen den Tod anzukämpfen und das Sterben hinauszuzögern, und ab wann es angezeigt ist, den Prozess des Sterbens zuzulassen und den Tod als unausweichliches Ende jeden menschlichen Lebens zu akzeptieren. Hier drängen sich im therapeutischen Bereich in einem Mass sog. end-of-life decisions im Sinne von Passiver Sterbehilfe (Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen) auf, wie das früher nicht der Fall war, und solche Lebensende-Entscheidungen bestimmen heute die Sterbeverläufe massgeblich mit, wie neuste Forschungsberichte aus dem NFP-67-Programm hervorheben [1]. Waren Sterben und Tod früher In­begriff eines fremd verfügten Schicksals, nehmen sie heute zunehmend Züge eines selbst zu bestimmenden «Machsals» (O. Marquard) an – auch bei Menschen, die nie auf die Idee kämen, für sich einen Suizid in Erwägung zu ziehen. Jüngste Studien von G. Bosshard et al. haben gezeigt, dass in der Schweiz im Jahre 2013 in 58,7% der medizinisch begleiteten Todesfälle dem Sterben medizinische end-of-life decisions vorausgingen [2].