Neue Studie bestätigt Zweifel an Teleradiologie
Das Misstrauen gegenüber der Teleradiologie ist nicht neu. So faszinierend es ist, selbst umfangreiche Datensätze bildgebender Diagnostik jeglicher Modalität mittels elektronischer Übertragungstechnik in kürzester Zeit an jeden beliebigen Ort zu senden, so bestechend es ist, auf diesem Weg konsiliarisch die Meinung von Spezialisten und Subspezialisten zu schwierigen Fragen einzuholen, ebenso problematisch kann der Umgang mit dieser Technik in der klinischen Praxis sein. Als die Teleradiologie vor etwa zwei Jahrzehnten aufkam, setzte man in sie zunächst vor allem die Hoffnung, die in manchen Ländern aufgrund des Mangels an Radiologen zum Teil grotesk langen Wartezeiten bis zur Fertigstellung der kritischen Befundberichte im Routinebetrieb zu verkürzen und andere Versorgungslücken zu decken. Diese Erwartungen waren realistisch und haben sich vielerorts auch erfüllt. Heute aber sind teleradiologische Netzwerke mehrheitlich gleichbedeutend mit der Organisation der fachbezogenen Dienstleistungen bei Nacht sowie an Sonn- und Feiertagen. Die professionelle, in manchen Ländern von international agierenden Teleradiologie-Agenturen mit nicht unbeträchtlichem Erfolg kommerzialisierte Vermittlung sogenannter «Off Site Reporter» für die Interpretation radiologischer Bilddatensätze ist vor allem
in den USA, in Grossbritannien und in einigen Stadtstaaten Südostasiens, z.B. Singapur, zu einer prototypischen Variante des virtuellen Medizintourismus im Katastrophenmodus geworden. Die charakteristischen Schwächen dieses Typs der Notfallradiologie wurden bald erkannt, benannt und zum Teil auch mit statistischen Daten belegt. In der Januar-Nummer von Clinical Radiology – dem offiziellen Organ des «Royal College of Radiologists» – sind nun allerdings die Ergebnisse einer britischen Untersuchung veröffentlicht worden, die die Zweifel nicht nur nachdrücklich bestätigen, sondern manche bisher gehegten Bedenken sogar noch übertreffen [1]. Die Autoren – fünf Radiologen und ein Epidemiologe – haben die Daten von 4931 erwachsenen Patienten ausgewertet, die sich im Jahre 2013 zur Klärung der Ursache nicht traumatischer Bauchschmerzen notfallmässig einer Computertomographie unterzogen haben. Etwas mehr als die Hälfte (52%) der Untersuchten waren von Ärzten chirurgischer Fachabteilungen überwiesen worden. Als Grenzwert für die Akzeptanz der Fehlerquote im vorläufigen fachärztlichen Befundbericht wurden fünf Prozent definiert. Diese Quote ist von den vor Ort tätigen Radiologen mit 3,1% («provisional report») bzw. 2,9% («consultant addendum») nicht nur erreicht, sondern sogar weit unterboten worden. Die Tele-Diagnostiker verfehlten das vergleichsweise bescheidene Ziel hingegen deutlich, und zwar bei den Allgemeinpatienten in 8,7% und bei den chirurgischen Patienten in 12,7% der Fälle; sie haben sich also etwa dreimal so oft geirrt wie die vor Ort tätigen Ärzte. Die Autoren der Studie versuchten ausserdem, die negativen Folgen (z.B. Fortsetzung der bildgebenden Diagnostik, Endoskopie, Verzögerung der Diagnose/Therapie) der radiologischen Fehldiagnosen zu quantifizieren. Dabei kamen sie auf einen Anteil von 1,0% in der nicht chirurgischen und 1,5% in der chirurgischen Klientel.