Von ständigem Stress, Bewegungsmangel bis Alkohol, Nicotin und zu viel Zucker, die Liste der Lebenserwartung reduzierenden Faktoren ist lang, wir kennen sie aus dem klinischen Alltag. Ein Antidot ist Disziplin, eine schwer fassbare Qualität. Folgende Beobachtung unterstützt diese Sicht. Chan-Meister, chinesische Meditationsmeister, haben eine Traditionsfolge von über 1400 Jahren, beginnend im Jahre 527 im Shaolin-Tempel, mit einer spirituellen Praxis fokussiert auf mentale Erkenntnis. Nun haben sie eine auffällig hohe Lebenserwartung, im Mittel 75 Jahre (Modalwert 70 Jahre, n 68), etwa die Doppelte der damaligen Bevölkerung [1]. Die spirituelle Ausrichtung erklärt diesen hohen Wert kaum, wohl aber Disziplin und Askese, die sie als zweckdienliche Methoden in hohem Masse praktizieren. Disziplin und Askese, da in Chan in hohem Masse erforderlich, stehen in Wechselwirkung. Ohne Disziplin kommt Askese kaum zustande, andererseits fördert Askese Disziplin. In diesem Prozess spielt Meditation eine wichtige Rolle, der Chan-Tradition zentral, wurde sie methodologisch weiterentwickelt und präzise erfasst. Meditation, oft mehrere Stunden täglich, fördert die Fähigkeit zu Disziplin allgemein. Meditieren über Jahre fördert Gleichmut über die Meditationszeiten hinaus in den Alltag. Dabei entwickelt sich die Fähigkeit zum Merken eines Reizes, insbesondere eines irritierenden Reizes. Dem Merken folgt die Möglichkeit des Innehaltens, einer kurzen Zeit der Freiheit über Reagieren oder Nicht-Reagieren. Handelt es sich beim Reiz um einen belastenden Stressor, dann ist Nicht-Reagieren die Therapie. Diese Form der Disziplin, auch eine Form der Achtsamkeit, fördert Stressresistenz und Resilienz, und schützt insbesondere vor Lebenserwartung reduzierenden Faktoren.