Kategorie «Patientensicherheit»

Multiple-Sklerose-Cockpit

Zur Überwachung der Therapiesicherheit von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose (MS) wurde am Inselspital Bern das MS-Cockpit entwickelt. Dieses Pilotprojekt ist eine Kooperation zwischen der neuroimmunologischen Sprechstunde der Universitätsklinik für Neurologie und des Insel Data Science Center (IDSC). Im MS-Cockpit werden mithilfe eines Data Warehouses grosse Datenmengen aus verschiedenen getrennten Quellsystemen kombiniert und der Zielgruppe zur Verfügung gestellt.

Ausgangslage

Circa 2000 Patientinnen und Patienten mit MS, deren Behandlung ein Sicherheitsmonitoring erfordert, werden an der Insel ambulant behandelt. 2018 wurde das vorliegende Projekt konzipiert, um am Beispiel der MS aufzuzeigen, wie multimodale Daten aus der klinischen Routine innerhalb der rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen zur Steigerung der Patientensicherheit genutzt werden können.

Das MS-Cockpit

Relevante Befunde aus dem Labor werden im MS-Cockpit tagesaktuell in Kombination mit epidemiologischen Basisparametern und Angaben zu Therapien aufbereitet, so dass Patientinnen mit sicherheitsrelevanten Ereignissen oder auch Effekte auf Kohortenebene erkannt werden können. In das System eingeschlossen werden alle Patienten, für die im Zusammenhang mit einer MS eine Sprechstunde geplant ist.

Ergebnisse und Ausblick

Nach Inbetriebnahme des MS-Cockpits im August 2020 verbesserte sich vor allem die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Gefährliche Komplikationen wie Drug-induced liver injury (DILI, eine häufige und gefährliche Nebenwirkung von Medikamenten im Allgemeinen) oder Zytopenien (Verminderung der Anzahl Zellen im Blut) konnten zeitnah erkannt und die nötigen Massnahmen eingeleitet werden. Beispielhaft konnten wir dank des Cockpits bei einer Person eine Orphan Disease vier Wochen vor dem geplanten Sprechstundentermin erkennen und umgehend behandeln, mit direktem Einfluss auf das Outcome (Abbildung).
Der Sicherheitsgewinn durch das Cockpit hat sich auch im COVID-19-Jahr 2020 gezeigt: Für die Patientinnen und Patienten der Sprechstunde liess sich eine zeitnahe Risikoabschätzung vornehmen und besonders gefährdete Personen konnten kontaktiert werden. Dies hatte direkte Effekte auf den COVID-Verlauf unserer Kohorte und führte zu positiven Rückmeldungen seitens der Betroffenen. Eine Integration des Cockpits in das neue Klinikinformationssystem zur dauerhaften Sicherung des Betriebs ist zurzeit im Aufbau.
Bessere Betreuungsqualität, professionelle und persönliche Entwicklung der Kaderärzteschaft: Elisabeth Weber, Marion Lautner, Christian Weber (nicht auf dem Foto; Kontakt: Elisabeth.Weber[at]stadtspital.ch).
© Eve Kohler
Olga Endrich (l.) , Robert Hoepner und Stefanie Marti vom Inselspital Bern freuen sich über die Auszeichnung ihres Projektes MS-Cockpit (Kontakt: robert.hoepner[at]insel.ch).
Abbildung: Fallbeispiel eines Patienten mit einer Orphan Disease, die dank des Cockpits früh erkannt und behandelt werden konnte.
© Eve Kohler
Kategorie: Sonderpreis der Jury

Qualität durch Reflexion

Der erste Schritt zu guter Qualität passiert in der Klinik Innere Medizin Waid des Stadtspitals Zürich seit rund einem Jahr hinter verschlossenen Türen: Im Rahmen des Projekts Qualität durch Reflexion trifft sich die Kaderärzteschaft und reflektiert gemeinsam und geführt ihre Arbeit. Hier werden Patientensituationen analysiert und eine gemeinsame Haltung und eine Team-Kultur erarbeitet; hier finden die eigenen Gefühle Platz und werden vor dem Hintergrund der Beziehung zur Patientin, zum Patient besprochen.

Gradmesser Arzt-Patienten-Beziehung

Qualitätserhebungen im Gesundheitswesen mittels Zahlen (Todesfälle, Komplikationen etc.) machen vordergründig Sinn. Nicht vergessen werden darf aber, dass erlebte, gute Qualität vor allem durch die Patientinnen und Patienten beurteilt werden muss und damit immer auch eine subjektive Erfahrung ist – Stichwort «Patient related experience measurement» (PREM) [1]. Schwarz-weiss im Sinne einer exakten Wissenschaft gibt es hier nicht. Entsprechend scheint uns essenziell, dass der Begriff «Qualität» im medizinischen Alltag breiter gefasst wird. Die objektivierbare Messbarkeit («zertifizierte Qualität») ist dabei nicht immer das Mass aller Dinge. Gerade Menschen mit chronischen und unheilbaren Krankheiten beurteilen Qualität viel mehr im Rahmen der Interaktionen mit den Ärztinnen und Ärzten und den Arzt-Patientinnen-Beziehungen (AP-Beziehung) [1]. Vor diesem Hintergrund etablierten wir zur Qualitätsverbesserung im Rahmen unseres Projektes zwei Reflexionsgefässe (Tabelle).

Bessere Patientenbetreuung und Führungskompetenzen

Objektivierbare Kriterien gibt es für die Qualität von AP-Beziehungen und -Begegnungen nicht. Mittels Umfragen kann allenfalls das Potenzial für Verbesserungen identifiziert werden. So setzen wir in der Evaluation auf Patientenrückmeldungen. Dabei fokussieren wir auf die Frage: «Umgang vom Spitalpersonal mit Ihnen». Hier zeigt sich in der Klinik Innere Medizin Waid ein stabiler/ steigender Wert (4.4 bis 4.7 von maximal 5).
Die etablierten Reflexionsgefässe führen aus Sicht der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte zu einer Verbesserung folgender Punkte:
- Verbesserte Qualität der Patientenbetreuung (allgemein/ delegiert und persönlich)
- Sicherheit im Umgang mit «schwierigen» Patientensituationen
- Verbesserung der individuellen Führungsqualitäten und der eigenen psychologischen Sicherheit

Ausblick

Die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten sowie der Teilnehmenden wird weiterhin regelmässig erhoben, auch wenn der Qualitätsgewinn nicht einfach quantifizierbar ist. Im übergeordneten Kontext ist es unser Anliegen, einen Impuls für die Qualitätsdiskussion in der Akutsomatik zu setzen: «Was leicht messbar ist, muss nicht wesentlich sein, aber was wesentlich ist, ist häufig schwer messbar.» [2]