Wie viele Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte sichern tatsächlich die ambulante Grundversorgung im Kanton Bern? Diese scheinbar einfache Frage lässt sich mit Registerdaten allein nicht zuverlässig beantworten. Weder das Medizinalberuferegister (MedReg) noch Mitgliederverzeichnisse erlauben eine präzise Aussage darüber, wer effektiv in welchem Umfang in der Grundversorgung tätig ist. Genau aus diesem Grund wurde am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) mit Partnern eine Vollerhebung durchgeführt, die 2021 im «Swiss Medical Weekly» publiziert wurde [1].
Ausgehend von 2217 potenziell infrage kommenden Ärztinnen und Ärzten im MedReg wurden sämtliche Personen systematisch kontaktiert, mehrfach nachverfolgt, telefonisch überprüft und mit kantonalen Daten abgeglichen. Erst nach diesem aufwendigen Prozess konnte die effektive Zahl bestimmt werden: 972 Ärztinnen und Ärzte waren 2020 tatsächlich aktiv in der Grundversorgung im Kanton Bern tätig. Die Rücklaufquote betrug 95 Prozent – ein für Workforce-Studien aussergewöhnlich hoher Wert.
Diese Zahl ist mehr als eine Statistik. Sie markiert den Punkt, an dem aus Vermutungen belastbare Evidenz wird. Von den 972 aktiv Tätigen waren 851 Hausärztinnen und Hausärzte (88 Prozent) und 121 Kinderärztinnen und -ärzte (12 Prozent). Das Durchschnittsalter lag bei 52,6 Jahren, und bereits 13,3 Prozent waren 65 Jahre oder älter. Schon diese Altersstruktur macht deutlich, dass die Versorgung nicht nur künftig, sondern bereits heute unter Druck steht.

Prognose wird Gegenwart

Auf Basis der erhobenen Arbeitspensen konnte die effektive Versorgungsdichte berechnet werden. Sie lag 2020 bei 0,72 Vollzeitäquivalenten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Ohne substanzielle Neuzugänge sinkt diese Dichte fünf Jahre später auf 0,54 Vollzeitäquivalente – ein Rückgang um rund 25 Prozent.
Gleichzeitig berichteten bereits 2020 zwei Drittel der Befragten von einem wahrgenommenen Mangel in ihrer Region, und nur 40 Prozent konnten neue Patientinnen und Patienten uneingeschränkt aufnehmen. Diese Zahlen zeigen klar: Der Mangel ist nicht bloss eine zukünftige Projektion, sondern bereits erlebte Realität im Praxisalltag.
Diese kantonalen Daten stehen nicht isoliert. Die jüngste Workforce-Erhebung der Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe) kommt 2025 ebenfalls zum Schluss, dass sich der Hausärztemangel weiter verschärft und die Grundversorgung akut gefährdet ist [2]. Auch die nationale SGAIM-Workforce-Studie prognostiziert für die Allgemeine Innere Medizin einen Rückgang von 44 Prozent der heutigen Vollzeitäquivalente bis 2033, primär infolge von Pensionierungen und geplanten Pensumsreduktionen [3]. Die Berner Zahlen sind somit Teil eines nationalen Trends.

Teilzeit – ein missverstandenes Konzept

In der öffentlichen Diskussion wird der Mangel häufig mit dem steigenden Anteil von Ärztinnen und der Zunahme von Teilzeitmodellen erklärt. Die Berner Daten erlauben hier eine differenzierte Einordnung. Das durchschnittliche Arbeitspensum betrug 7,5 Halbtage pro Woche [1]. Ein Halbtag entspricht gemäss FMH rund fünf Arbeitsstunden, was einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden entspricht.
Zum Vergleich: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz liegt bei rund 31 Stunden. Von einer «klassischen» Teilzeitbeschäftigung kann unter diesen Voraussetzungen kaum gesprochen werden.
Geschlechterspezifisch arbeiteten Frauen im Mittel 6,4 Halbtage pro Woche, Männer 8,3 Halbtage [1]. Dieser Unterschied ist real und statistisch signifikant. Dennoch greift die vereinfachte Gleichung «Frauen gleich Teilzeit gleich Mangel» zu kurz. Auch das durchschnittliche Pensum der Ärztinnen entspricht rund 32 Arbeitsstunden pro Woche – deutlich über traditionellen Teilzeitmodellen anderer Branchen. Zudem zeigte die Erhebung, dass insbesondere jüngere Ärztinnen angaben, ihr Pensum im Verlauf der Karriere wieder erhöhen zu wollen.
Der Mangel entsteht primär durch die demografische Entwicklung, hohe administrative Belastung, zunehmende Komplexität der Versorgung und unzureichende Nachwuchszahlen.

Was die Halbtage nicht erfassen

Die Erhebung der Arbeitszeit erfolgte in Halbtagen, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Nicht systematisch erfasst wurden jedoch Notfalldienste, Leistungen in Abwesenheit der Patientinnen und Patienten sowie der stetig zunehmende administrative Aufwand. Gerade Letzterer hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Ohne strukturelle Entlastung verlieren wir Arbeitskraft an Bürokratie.

Die «FMH-Ärztestatistik 2025» weist explizit auf die steigende Bürokratie, den Zeitdruck im ärztlichen Alltag und die zunehmende Belastung durch Verwaltungsarbeiten hin [4]. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen berichten immer mehr der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte davon, das Gesundheitswesen deswegen zu verlassen.
Wenn Halbtage gemessen werden, wird die formale Präsenzzeit erfasst – nicht jedoch die wachsende Verdichtung der Arbeit. Administrative Anfragen von Versicherern, Dokumentationspflichten, Qualitätsberichte und regulatorische Vorgaben reduzieren die effektiv verfügbare klinische Arbeitszeit zusätzlich. Die reale Arbeitsbelastung liegt daher höher, als es die ausgewiesenen Halbtage vermuten lassen.

Konsequenzen

Die Vollerhebung im Kanton Bern hat gezeigt, dass Registerdaten allein die Versorgungssituation nicht adäquat abbilden. Erst die präzise Identifikation der tatsächlich tätigen Ärztinnen und Ärzte machte sichtbar, wie angespannt die Lage bereits heute ist.
Die Daten zeigen ferner, dass das Narrativ der «Teilzeit als Hauptursache» zu kurz greift. Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt nahe an einem Vollzeitpensum der Gesamtbevölkerung. Der Mangel ist das Resultat einer alternden Ärzteschaft, begrenzter Nachwuchszahlen, steigender administrativer Belastung und einer zunehmenden Komplexität der Versorgung.
Hausärztemangel ist kein subjektives Empfinden. Er ist messbar. Und genau deshalb braucht es evidenzbasierte gesundheitspolitische Entscheide: den weiteren Ausbau von Studien- und Weiterbildungsplätzen, attraktive und flexible Arbeitsmodelle, eine konsequente Entlastung von unnötiger Administration sowie eine Stärkung interprofessioneller Versorgungsstrukturen.
Die Zahlen aus Bern sind kantonal erhoben – ihre Botschaft ist national relevant.
  1. Stierli R, et al. Primary Care Physician Workforce 2020 to 2025 – a cross-sectional study for the Canton of Bern. Swiss Med Wkly. 2021;151: w30024
  2. mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz. Workforce-Studie 2025: Hausärztemangel verschärft sich – Grundversorgung akut gefährdet. https://www.hausaerzteschweiz.ch/information/news/detail/workforce-studie-2025-hausaerztemangel-verschaerft-sich-grundversorgung-in-der-schweiz-akut-gefaehrdet
  3. Reinhard L, et al. Current and future workforce of general internal medicine in Switzerland: a cross-sectional study. Swiss Med Wkly. 2024;154:3861
  4. Hostettler S, Kraft E. FMH-Ärztestatistik 2025. Schweiz Ärzteztg. 2026; 3: 8-10

Grafik: ZVG Workforce Kanton Bern