Ksenija Slankamenac, das Universitätsspital Zürich (USZ) hat Ende letzten Jahres ein Symposium organisiert zur medizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten, die mit Intoxikationen durch Suchtmittel auf den Notfall kommen. Was war der Anlass dafür?
Der Drogenkonsum nimmt zu, sowohl weltweit als auch in der Schweiz. Gemäss Statistiken ist insbesondere seit 2020 ein Anstieg festzustellen. In der Schweiz betrifft das vor allem den Konsum von Cannabinoiden, gleichzeitig wird hierzulande überdurchschnittlich viel Kokain konsumiert. Weltweit steigt vor allem der Konsum von Opioiden. Diese Entwicklung spüren auch die Notfallstationen der Spitäler. Bis vor wenigen Jahren hatten am USZ rund 0,5 Prozent aller Notfallpatientinnen und -patienten eine Drogenintoxikation. Heute beträgt dieser Wert etwa 1,2 Prozent, hat sich also verdoppelt. Bei jährlich rund 45 000 Patientinnen und Patienten sprechen wir somit im Durchschnitt von täglich ein bis zwei Personen.
Es sind mehr Substanzen im Umlauf, und diese sind leichter verfügbar.
Wie ist die Situation dieser Patientinnen und Patienten?
Meist werden sie von der Sanität oder der Polizei zu uns gebracht – etwa weil sie jemanden auf einer Parkbank oder nach einem Sturz auf der Strasse liegend aufgefunden hat. Es sind zumeist junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren. Oft sind sie bei der Ankunft tief schlafend oder nur halb wach. Nicht wenige sind verbal oder gar körperlich aggressiv. Früher sahen wir solche intoxikierten Patientinnen und Patienten vor allem am Wochenende und nachts sowie gehäuft nach Events wie der Streetparade. Inzwischen betrifft es jeden Wochentag und geschieht auch tagsüber.
Welche Drogen haben diese Personen konsumiert?
Die Substanzen haben sich in der Schweiz bisher nicht stark verändert. Es sind vor allem Cannabinoide, Kokain und Ecstasy – selten Heroin. Wobei wir es fast immer mit Mischintoxikationen zu tun haben. Verschiedene Substanzen werden gleichzeitig konsumiert – und dies meist zusätzlich zu Alkohol. Ein grosser Teil der Betroffenen ist drogenabhängig. Andere wollen sich gelegentlich im Ausgang aufputschen und dann wieder runterfahren – und kombinieren entsprechende Substanzen. Manchmal geht es ihnen auch darum, am nächsten Morgen wieder arbeiten gehen zu können – allenfalls mit leistungssteigernden Substanzen. Wobei diejenigen, die zu uns kommen, es eben übertreiben und eine Überdosis konsumiert haben oder aufgrund des Konsums Symptome entwickeln.
Warum nimmt der Drogenkonsum wohl zu?
Neben veränderten Konsumgewohnheiten wie dem Wunsch nach Leistungssteigerung spielt auch die Angebotsseite eine wichtige Rolle: Es sind mehr Substanzen im Umlauf, und diese sind leichter verfügbar – etwa über das Darknet. Ausserdem geht der Trend hin zu synthetischen Drogen, die sich lokaler und einfacher herstellen lassen – unabhängig etwa von der Ernte von Mohnpflanzen. Damit entfallen für die Händler auch lange, riskante Transportwege, und die Drogen können billiger angeboten werden.
Welche medizinischen Probleme stehen auf dem Notfall im Vordergrund?
Das reicht von Kreislaufproblemen und Atemdepressionen bis zu psychiatrischen Symptomen. Ein sehr kleiner Anteil muss auf die Intensivstation verlegt werden. Zumeist aber können die Betroffenen auf dem Notfall stabilisiert und überwacht werden. Bei etwa einem Drittel der Patientinnen und Patienten braucht es einfach ein Ausschlafen – falls nötig mit Überwachung der Vitalfunktionen. Ein weiteres Drittel benötigt eine medizinische Intervention, etwa Substanzantagonisten oder eine gezielte Abklärung und Therapie von Beschwerden wie etwa Thoraxschmerzen. Ebenfalls etwa ein Drittel zeigt ausgeprägte Agitation oder Aggression und bindet erhebliche personelle Ressourcen.
Sie erwähnen Antagonisten. Wie behandeln Sie eine akute Drogenintoxikation?
Grundsätzlich behandeln wir nicht die Substanz, sondern die Symptome. In der Akutsituation ist es meist nicht entscheidend, welche Substanz jemand genommen hat. Wichtig ist, ob der Patient oder die Patientin stabil ist, ob die Atmung bedroht ist, ein Herzinfarkt oder Schlaganfall droht oder die Person bewusstlos ist. Wir orientieren uns an den sogenannten Toxidromen, also den typischen Symptomkomplexen. Dabei achten wir unter anderem auf Pupillengrösse, Herzfrequenz, Blutdruck, Temperatur, Schwitzen und die psychische Verfassung. Daraus lässt sich oft eine Substanzklasse und damit eine Behandlung ableiten. Ist die Situation lebensbedrohlich, steht uns für Opioide ein Antagonist zur Verfügung – allerdings nicht für Kokain oder Ecstasy. Hier besteht dann die Gefahr von Herzinfarkten oder Schlaganfällen, sodass weiterführende Abklärungen und eine Therapie nötig sind.
Wie lange bleiben die Betroffenen auf der Notfallstation?
Im Durchschnitt drei bis vier Stunden. Wenn wir ihnen nach dem Rauschzustand erzählen, in welchem Zustand sie gekommen sind, dass sie vielleicht aggressiv waren oder geweint haben, schämen sie sich nicht selten. Wir versuchen, ihnen mit Verständnis zu begegnen. Meist liegt ein Abhängigkeitssyndrom vor, und diese Patienten und Patientinnen sind krank. Es kann eine Gelegenheit sein, über Hilfsangebote, Suchtberatung oder eine psychiatrische Behandlung zu sprechen – vor allem bei Menschen, bei denen es nicht ein einmaliges Vorkommnis war.
Wie oft werden psychiatrische Kolleginnen und Kollegen beigezogen?
Sehr häufig. Am USZ ist rund um die Uhr die Konsiliarpsychiatrie verfügbar. Bei Mischintoxikationen mit diversen Medikamenten stellt sich immer auch die Frage nach einer suizidalen Komponente. Diese können wir erst klären, wenn die Patienten wach und ansprechbar sind. Dann erfolgt eine psychiatrische Beurteilung: Liegt eine Suchtproblematik vor? Besteht Suizidalität? Daraus ergeben sich zusätzliche Schritte wie eben eine Suchtberatung oder gar eine weitere stationäre Behandlung.
Sie haben das Thema Aggression erwähnt. Hat das im Zusammenhang mit Drogen zugenommen?
Ja, aber auch unabhängig davon. Wir sehen auf dem Notfall seit etwa zehn Jahren eine kontinuierliche Zunahme von Aggression – seitens der Patientinnen und Patienten wie teilweise auch der Angehörigen. Die Gründe sind vielfältig: Frustration über Wartezeiten, Unzufriedenheit mit medizinischen Entscheidungen, psychiatrische Erkrankungen oder eben Drogen sowie Alkoholüberkonsum. Eine besondere Herausforderung: Bestimmte Substanzen wie KO-Tropfen können zu einem sehr abrupten Wechsel führen. Eben noch tief schlafend, im nächsten Moment hoch agitiert. Solche Situationen sind für das Team sehr anspruchsvoll – und gefährlich für Patienten und Patientinnen sowie für das Personal.
Wie bereitet sich Ihr Team darauf vor?
Wir haben vor zehn Jahren eine interprofessionelle Arbeitsgruppe zum Thema Aggression aufgebaut, in der Pflege, Notfallmedizin, Psychiatrie und Sicherheitsdienst eng miteinander zusammenarbeiten. Mein Team besucht unter anderem jährlich vier interprofessionelle Workshops, in denen verbale Deeskalation und Notfallmassnahmen geübt werden. Unser Ziel ist klar: Möglichst viele Situationen mit Worten und Haltung beruhigen. Das gelingt uns immer besser – wir benötigen deutlich weniger freiheitseinschränkende Massnahmen wie Fixierungen als früher. Die Security des Spitals beziehen wir bei Aggressionen immer mit ein, aber ein effektives Eingreifen ist dank besserer Deeskalation heute seltener nötig.
Jugendliche müssen wissen, dass jede Substanz ein Abhängigkeitspotenzial und gravierende gesundheitliche Risiken mit sich bringt.
Welche Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft?
Zum einen rechnen wir mit einer weiteren Zunahme von Intoxikationsfällen. Zum anderen gibt es gefährliche internationale Trends. Ich meine damit insbesondere hochpotente neue psychoaktive Substanzen – die sogenannten NPS, auch als Designerdrogen bezeichnet. Diese haben in den USA, in Grossbritannien oder in Osteuropa bereits Wellen des Konsums ausgelöst. Wir sehen diese Substanzen in der Schweiz bislang nur selten. Aber wir müssen damit rechnen, dass sie über kurz oder lang auch bei uns ankommen.
Was macht diese neuen psychoaktiven Substanzen so gefährlich?
Es handelt sich um synthetisch hergestellte Drogen mit Wirkstoffen wie Amphetaminen oder Opioiden. Sie sind häufig hochdosiert, sehr rein und dadurch sehr potent. Und da sie sich eben sozusagen im Keller herstellen lassen, sind sie leicht verfügbar. Aus medizinischer Sicht bringen sie wegen der hohen Dosen ein hohes Risiko für lebensgefährliche Situationen wie akute Atemdepressionen und kardiovaskuläre Notfälle mit sich. Sie erhöhen in den bisher betroffenen Ländern den Anteil lebensbedrohlicher Verläufe und der Todesfälle stark.
Was lässt sich gegen den zunehmenden Drogenkonsum tun, gerade auch von speziell gefährlichen Substanzen?
Gesellschaftlich ist für mich Aufklärung der Schlüssel – schon früh, ab der Schulzeit. Jugendliche müssen wissen, dass jede Substanz – ob zum Aufputschen, Runterfahren oder zur Leistungssteigerung – ein Abhängigkeitspotenzial und gravierende gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Mein persönlicher Rat ist simpel: Am sichersten ist es, gar nicht erst mit dem Konsum anzufangen. Als Ärztinnen und Ärzte haben wir zusätzlich eine Verantwortung bei der Verschreibung von Medikamenten. Bei Opioiden und anderen Schmerzmitteln gilt es, genau hinzuschauen, ob und wie lange sie wirklich nötig sind. Und nicht zuletzt dürfen wir nicht vergessen: Süchtige sind kranke Menschen. Sie brauchen eine einfühlsame, respektvolle Begleitung – in der Hausarztpraxis genauso wie auf der Notfallstation. Unser Symposium im letzten Herbst hat gezeigt, dass die Herausforderungen mit Intoxikationen nicht nur am USZ, sondern auf den Notfallstationen in vielen Schweizer Spitälern eine zunehmende Herausforderung sind.
Zur Person
PD Dr. med. Ksenija Slankamenac, PhD, ist Mitglied der Expertengruppe «Substanzinformationen und Risikoeinschätzung» von Infodrog, der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht.