Im Jahr 2018 führte die mangelhafte Versorgung, insbesondere mit pädiatrischen Impfstoffen, zu zahlreichen Verschiebungen von Impfterminen. Impflücken bei Kindern und Jugendlichen drohten und verursachten einen deutlichen administrativen und organisatorischen Mehraufwand, besonders in Kinderarzt- und Hausarztpraxen [1].
Bis heute hat sich daran wenig geändert. Im Rahmen von Impfkampagnen sind die betreffenden Impfstoffe auch schon nach kurzer Zeit nicht mehr verfügbar – selbst, wenn man den effektiven Bedarf in der Praxis oder Apotheke abgeschätzt und die entsprechenden Impfstoffe vorbestellt hat. Dies war bei den Masern-, den FSME- und zuletzt bei den Gürtelrose-Impfungen für Erwachsene der Fall. Die Folgen sind einerseits nicht entschädigte, administrative Zusatzbelastungen. Andererseits kommt es im ungünstigsten Fall zu inkompletten Impfungen.
Während, mit Ausnahme gewisser Zwischenstufen während der COVID-Pandemie, in der Schweiz gar keine Impfstoffe mehr hergestellt werden, hat Frankreich die Zeichen der Zeit erkannt und plant, die europäische Autonomie der Impfstoffversorgung zu verbessern. Aber wird die Impfstoffherstellung in Europa bei einem grösseren Ausbruch einer Erkrankung ausreichen?
Auch bezüglich bakterieller Infektionskrankheiten ist die Situation ungemütlich. Es gibt in Europa noch eine einzige Fabrik, die Penicillin herstellt. Allerdings sind die Preise für diesen in die Jahre gekommenen, aber in der Grundversorgung bewährten Wirkstoff so tief, dass eine Fabrikschliessung aus wirtschaftlichen Gründen immer wieder zur Diskussion steht.

Die Schweiz, eine Boutique

Aus Herstellersicht entspricht der Schweizer Markt bevölkerungsmässig einer europäischen Grossstadt mit Agglomeration. Welcher Preis rechnet sich noch für einen solch kleinen Markt, wenn in diesem zahlreiche Sonderauflagen gefordert werden? Unsere länderspezifischen Vorschriften, beispielsweise für Verpackungen und Pflichttexte, verteuern die Arzneimittel und Medizinprodukte.
Der Preisdruck und weitere Faktoren haben dazu geführt, dass zahlreiche günstige und bewährte Basismedikamente hierzulande entweder monatelang nicht mehr verfügbar waren oder gleich ganz vom Markt genommen wurden. Viele Hausarztpraxen und Apotheken, insbesondere in grenznahen Kantonen, müssen deshalb täglich in der EU Medikamente bestellen, die in der Schweiz nicht mehr verfügbar sind.

Realitätsferne Spezialitätenliste

Ein besonderes Ärgernis stellt die Spezialitätenliste dar - ein administrativer Moloch mit einer Unmenge an Limitationen. Um die Vergütung von Medikamenten garantieren zu können, ist ein beträchtlicher administrativer Zusatzaufwand zu leisten. Aufgrund der hohen Arbeitslast bleibt uns Ärztinnen und Ärzten häufig nichts anderes übrig, als die Patientinnen und Patienten zu informieren, dass ein bestimmtes Medikament derzeit nicht verfügbar ist oder sie dieses selbst bezahlen müssen. Eine Anpassung der Spezialitätenliste an die lückenhafte Medikamentenversorgung ist nun notwendig, damit die Administration nicht immer mehr Raum und Zeit in Anspruch nimmt, die wir besser für Konsultationen und Behandlungen einsetzen.

Griffige Massnahmen implementieren

Der aktuelle Zustand gefährdet die Versorgungsqualität und die Patientensicherheit. Es braucht nun griffige Anpassungen, um die Situation zu verbessern. In der Vergangenheit wurde zwar eine Taskforce für kurzfristige und eine Arbeitsgruppe für mittelfristige Massnahmen eingesetzt. Im Praxisalltag ist von deren Umsetzung jedoch nichts zu spüren. Auch Versuche, den Zulassungsprozess zu vereinfachen, konnten die Lage nicht entschärfen.
Im Bereich der Impfungen wäre wünschenswert, wenn sich künftig vor einem Kampagnenstart die involvierten Bundesämter absprechen, damit eine ausreichende Versorgung der Arztpraxen, Apotheken und Spitalambulanzen garantiert werden kann.
carlos.quinto@fmh.ch
Berger C, Quinto CB, Weil B. Versorgungssicherheit mit Impfstoffen, Schweiz Ärzteztg. 2018; 99(32): 1010–1014.