«Es gehen Hunderte an dem in der Insel herrschenden Klima zugrunde, das als mörderisch bezeichnet werden muss», klagte der Internist Hermann Sahli im Sommer 1909 über die Hitze im Berner Inselspital. Sein chirurgischer Kollege Theodor Kocher stellte bei «Frischoperierten» Lungenentzündungen fest, verursacht durch grosse Temperaturschwankungen im Haus. Er operierte in der Regel bei 25 bis 30 Grad Celsius, jener damals als ideal geltenden Operationstemperatur. Die Schweissperlen dürften ihm auf der Stirn gestanden haben, wenn die Sommersonne durch die Glaskuppel in den OP brannte und die Leuchten und Glühkauter die Hitze ins fast Unerträgliche steigerten. Aber Kocher schwitzte lieber, als dass er seine Patientinnen und Patienten der Zugluft und dem Risiko einer Infektion aussetzte. Dabei hatte man beim Neubau des Spitals wahrlich keine Kosten gescheut. 1904 lieferte eine hauseigene Dampfmaschine Strom für 980 elektrische Brennstellen und 235 Steckdosen. Und doch blieb das Spitalklima schwer zu kontrollieren. Vor allem Eis, das Medikamente kühlte, postoperative Schwellungen linderte oder eine überstandene Tonsillektomie belohnte, blieb lange ein Luxusgut.
Licht- und hitzedurchlässiges Glasdach des Hörsaales der Alten Chirurgischen Klinik des Inselspitals Bern, um 1950. Fotografie: Ernst Grob. 
Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, Insel II 1233 ; Bildrechte: Universitätsspital, Inselspital Bern

Eis als Medizin

Kälte und Eis als Therapeutikum kannten schon die Ärzte der Antike, darunter Hippokrates, Aristoteles und Galen. Mit dem kühlen Nass stillten sie Schwellungen, Entzündungen oder Blutungen; als Kompresse aufgelegt reduzierte es Schmerzen. Noch 1885 empfahl Meyers Konversationslexikon, Eis «klein geschlagen» in eine Schweinsblase zu füllen und auf die schmerzende Stelle zu legen. Auch Paracelsus nutzte im Mittelalter Eis und Schnee, um Körperstellen vor chirurgischen Eingriffen zu betäuben. Und ein Feldarzt Napoleons soll im Winter 1807 bei Minustemperaturen beinahe schmerzlose Amputationen durchgeführt haben. Eine Zeit lang galt die Kälteanästhesie sogar als sicherer als die risikobehafteten Chloroform- und Äthernarkosen, die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Eissprays entwickelt. Der Genfer Arzt Camille Redart sprühte 1882 für kleinere operative Eingriffe Ethylchlorid auf die Haut. Durch die schnelle Verdunstung des Stoffs sank die Hauttemperatur innerhalb weniger Sekunden auf unter zehn Grad ab, was die Nervenendigungen betäubte und die Haut gefühllos machte. Allerdings mussten die Sprühflaschen beim Abfüllen stark gekühlt werden, damit das Ethylchlorid nicht bereits vor der Anwendung verdampfte.

Eisblöcke im Krankenzimmer

Das benötigte Eis stammte aus Eiskellern, sofern ein Spital überhaupt über einen solchen verfügte. Bekannt ist, dass ausser dem Berner Inselspital auch die «Kantonale Irrenanstalt Schaffhausen» oder die «Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden» Eiskeller betrieben. In den bis zu einem Meter dicken Mauern, die mehrere Luftschichten einschlossen, blieb das im Winter aus Seen und Flüssen geerntete Natureis fest. Aber Eis im Sommer blieb eine Rarität. Das musste auch der amerikanische Arzt John Gorrie erfahren, als er um 1840 in Florida Eisblöcke in Krankenzimmer hängen liess. Durch die Kühlung, so hoffte er, würde er dem grassierenden Gelbfieber Herr werden. Doch der Eistransport aus dem Norden dauerte zu lange und war teuer. Ausgerechnet der Versuch, Krankenzimmer zu kühlen, brachte Gorrie auf die Idee, eine Eismaschine zu entwickeln. Kühl- und Gefrierschränke funktionieren bis heute auf seinem Grundprinzip: Ein Kältemittel wird in einem geschlossenen Kreislauf abwechselnd komprimiert und expandiert. Dabei wird dem Innenraum schubweise Wärme entzogen und auf einer höheren Temperaturstufe als Hitze an die Umgebung abgegeben. Leider starb Gorrie, bevor sein Patent praxistauglich war. Der Australier James Harrison griff die Idee auf und entwickelte 1854 die erste grosse Eismaschine.
Patent für eine Eismaschine, 19. Jahrhundert
Quelle: Wellcome Collection ; Bildrechte: Public Domain

Klimaanlage und Temperaturschock

Als Erfinder des Kühlschranks gilt der deutsche ETH-Absolvent Carl von Linde. 1876 entwickelte er eine Ammoniak-Kompressionskältemaschine und machte damit Grossbetriebe wie Spitäler unabhängiger von Eiskellern. Im Kühlschrank blieb Verderbliches länger frisch, und mit der wachsenden Kältetechnik änderte sich auch der Blick auf das Raumklima. Ab 1896 entwickelte der Ungar István Röck Trockenluft-Kühlapparate, mit denen sich Krankenhäuser zugleich kühlen und entfeuchten liessen: Ventilatoren leiteten Luft über gekühlte Rohre in die Räume. «Wie im Winter durch Heizung, so ist im Hochsommer durch Kühlung eine möglichst angenehme Temperatur in Krankenhäusern unbedingt anzustreben», schrieb die Schaerer A.G. aus Bern 1927 im «Handbuch der modernen Krankenhaus-Einrichtung». Als ideal galten 18 bis 20 Grad in den Krankenräumen. Wer aus dem heissen Operationssaal kam, erlebte den von Kocher einst beklagten Temperaturschock also weiterhin sehr real. Spitäler ohne ausgeklügeltes Klimasystem konnten die Temperatur über einen sogenannten Sendric-Apparat regulieren. Für ein «Odeur frischer Waldluft» sorgte ein zusätzlich ins Patientenzimmer gestellter Ozonventilator, der «Fäulnisbakterien» am Wachstum hindern sollte. Das Spitalklima verbesserte sich damit für die Patientinnen und Patienten, für die Mitarbeitenden im OP jedoch blieb es «mörderisch» heiss.

Hitzeinseln und Heizdecken

Doch nicht nur sie schwitzten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien es, als würde Europa immer heisser, je mehr man versuchte, die Temperaturen mit technischen Mitteln zu beherrschen. Die Gletscher begannen zu schmelzen, die Kleine Eiszeit, die seit dem Mittelalter für eher kühles Klima gesorgt hatte, wich allmählich einer Wärmeperiode. Auch die Spitäler waren Teil dieser Entwicklung: Wo drinnen gekühlt wurde, gab die Technik die entzogene Wärme draussen wieder ab. In Städten entstanden Hitzeinseln, die, wie jüngere Forschung zeigt, tatsächlich auch durch die Abwärme von Klimaanlagen begünstigt werden können. Das OP-Personal ächzte wohl noch mehr. Erst ab den 1950er-Jahren ergaben immer mehr Untersuchungen, dass sich Keime bei kühleren Temperaturen langsamer ausbreiten als in warmen Räumen. In den 1970er-Jahren wurden deshalb die Thermostate in den Operationstheatern endlich heruntergedreht. Nun froren allerdings die Patienten auf dem Operationstisch, und die perioperative Hypothermie führte häufiger zu Wundheilungsstörungen, kardialen Problemen oder Blutungen. Heute ist deshalb der OP-Tisch beheizt oder die Patientinnen und Patienten werden mit Heizdecken warmgehalten, während es im Raum kühl bleibt.
Autofrigor-Anlage mit Kühlschrank und Eiserzeuger, 1929, vermutlich von Escher, Wyss & Cie., Zürich
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_05434-033-AL-FL; Bildrechte: Public Domain

Glace im Spital

Theodor Kochers einstige chirurgische Klinik mit ihren Temperaturschwankungen hat längst Neubauten Platz gemacht. Das heute nach Kocher benannte Haus beherbergte zuletzt die Frauenklinik; diese zog im Sommer 2026 ins erneuerte Marie-Colinet-Haus. Marie Colinet war eine Hebamme und Wundärztin, von der bekannt ist, dass sie Wärme nutzte, um die Geburt zu fördern. Ihr Mann, von 1614 bis 1634 Stadtarzt von Bern, überlebte die Pest dank starker Kühlung im Wasser. Ob Wärme oder Kälte, beides hatte und hat seine therapeutische Berechtigung. Im Marie-Colinet-Haus erzeugt anstelle der einstigen Dampfmaschine mittlerweile eine moderne Solaranlage den nötigen Strom für wohltuende Temperaturen in den Spitalräumen. Bis 1978 befand sich an diesem Standort übrigens die Kinderklinik. Dort gehörten Mandeloperationen zur Tagesordnung, ebenso das für Kinder bewährte Kältetherapeutikum danach: die Glace.
  1. Rennefahrt H, Hintzsche E. Sechshundert Jahre Inselspital, 1354–1954. Verlag Hans Huber, 1954
  2. Hippocrates, Adams F. The Genuine Works of Hippocrates ; Translated from the Greek with a Preliminary Discourse and Annotations. New York: W. Wood, 1886
  3. Handbuch der modernen Krankenhaus-Einrichtung: für Aerzte, Architekten, Techniker, Verwaltungsbeamte, Studierende und Krankenpfleger. M. Schaerer, 1927
  4. Müller-Landgraf I. 3.4. Spitalbauten. In: Historisches Lexikon der Schweiz HLS. 2006
  5. Roe H, Wakefield H. The Cold Water Cure. Provincial Medical Journal and Retrospect of the Medical Sciences. 1843; 6(152): 456–456
  6. Sigl M, et al. 19th century glacier retreat in the Alps preceded the emergence of industrial black carbon deposition on high-alpine glaciers. The Cryosphere. 2018; 12(10): 3311–3331