Willkommen in der modernen Medizin: Hightech, KI und Personalisierung – und ein misogynes Betriebssystem aus dem 19. Jahrhundert. Eine Folge ist Medical Gaslighting, bei dem komplexe Beschwerden trivialisiert und durch Psychosomatik begründet werden.
Betroffene mit typischen Frauenkrankheiten wie Endometriose, Long Covid, ME/CFS oder Fibromyalgie wünschen sich für ihre nicht objektivierbaren Beschwerden und gelebten Erfahrungen Anerkennung, Erklärung und adäquate Versorgung. Vor Betreten einer Praxis sollten sie ihre Erwartungen jedoch zügeln, denn Psychologisierung, Paternalismus und Gaslighting sind bei syndromalen Beschwerdebildern weitverbreitet.
In der heutigen Systemlogik haben Frauen unbestritten schlechte Karten. Sie erfüllen meist mühelos sämtliche Kriterien der heimlichen Checkliste für schwierige Patientinnen: diffuse Symptome, zyklisch, unsichtbar, schlecht erforscht, und das Killerkriterium: keine Biomarker. Steilvorlage, dass ihnen empathisch erklärt werden darf, warum ihre Probleme eher in Persönlichkeit, Lebenswandel oder Überlastung wurzeln als im endokrinen System.
Absolution naht, wenn alle gemessenen Werte innerhalb der Norm sind. Jetzt kann die Konsultation elegant von lästigen Verhandlungen über Pathomechanismen und Off-Label-Behandlungen in eine Lifestyle-Beratung überführt werden: Ernährung, Bewegung, positives Denken, Verhaltenstherapie und Schlafhygiene. Lassen sich so komplexe systemische Dysfunktionen wirklich therapieren?
Historisch sind Gaslighting und Misogynie in der Versorgung Zeugen einer Medizinkultur, die unklare Frauenleiden als Hysterie oder Hypochondrie etikettierte – ein Konzept, das offiziell zwar ad acta gelegt wurde, dessen Auswüchse aber immer noch Blüten treiben [1]. Fakt ist, typische Probanden für die Schaffung medizinischer Evidenz waren – und sind immer noch – junge gesunde Männer und Mäuseriche.
Medical Gaslighting birgt Gefahr: Ernsthafte Symptome werden trivialisiert, weil sie nicht im Lehrbuch stehen. Verantwortlich ist der Gender Health Gap – die Lücke im Wissensstand, die Frauen mit ihren Bedürfnissen im System auflaufen lässt, während Männer zügiger Diagnosen und Therapien erhalten [2]. Ausser psychiatrische Befunde, Antidepressiva und Sedativa – damit wird bei weiblicher Klientel nicht gespart.
Um Gaslighting vorzubeugen, sind Patientinnen angehalten, selbstbewusst aufzutreten, Beschwerden akribisch zu dokumentieren und zur Konsultation eine Begleitung mitzubringen – sie müssen pro forma ein Beweisverfahren einleiten, weil ihre Körperfunktionen der Systemlogik widersprechen. Für eine Diagnose benötigt man Kenntnisse und Biss. Aber Achtung: Kompetenz wirkt schnell verdächtig oder gar bedrohlich aktivistisch. Patienten erfüllen so Kriterien für eine somatoforme Störung, werden des Doctor-Hoppings bezichtigt, oder sind wegen eines sekundären Krankheitsgewinns nicht motiviert zu genesen – absurd.
So bleiben wir also hartnäckig – wie unsere Symptome. Wir thematisieren Medical Gaslighting, Gendermedizin, Diskrepanzen zwischen Versorgungslogik und gelebter Realität und die Tatsache, dass wir nicht grundlos schwierig sind – sondern schlicht unversorgt krank. Und ja, es ist mir bewusst, dass einige von Ihnen beim Lesen dieser Zeilen genervt mit den Augen rollen. Ich bin offen für Kritik und zuversichtlich, dass das Gesundheitssystem künftig weniger auf veralteten Mustern beharrt, mehr auf Gendermedizin und Wertschätzung von Erfahrungswissen setzt und dass die Ärzteschaft neugierig, mutig und mit epistemischer Demut die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der weibliche Körper keine zu Psychosen neigende Variante des männlichen Originals ist.
- Cleghorn E. Unwell Women: A Journey Through Medicine and Myth in a Man-Made World. London: Weidenfeld & Nicolson, 2021
- Criado-Perez C. Invisible Women. London: Chatto & Windus, 2019