Juckreiz und trockene Haut werden häufig als reine Alltagsbeschwerden eingestuft. Doch für die Betroffenen sind die Symptome meist sehr belastend. «Es gibt verschiedene Studien, die nachgewiesen haben, dass Juckreiz einen Verlust von Lebensqualität bedeutet, der vergleichbar ist mit jenem von chronischen Schmerzpatienten», erklärte die Dermatologin Dr. med. Emel Türkay zu Beginn ihres Referats.
Die erhebliche Krankheitslast erklärt sich aus den weitreichenden Folgen des Symptoms: anhaltende Schlafstörungen, ausgeprägter Leidensdruck und nicht selten depressive Symptome. Dabei wirkt die Beziehung bidirektional – Depression kann Juckreiz verstärken, zugleich kann chronischer Pruritus über die Zeit selbst depressiv machen. Oft bringt Juckreiz Patientinnen und Patienten deshalb in einen sich selbst unterhaltenden Krankheitskreislauf.
Überraschend komplexe Pathophysiologie
Diese Gesundheitsstörung nachhaltig zu kurieren, ist für Fachleute keine triviale Aufgabe. Denn chronischer Juckreiz ist oftmals kein rein peripheres Geschehen. Anhaltende Reize der Haut aktivieren limbische Strukturen wie die Amygdala und beeinflussen darüber die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Daraus resultiert eine Stressantwort, die proinflammatorische Zytokine freisetzt – unter anderem das Interleukin-31, das als wichtiges Pruritogen gilt und die sensorischen Nervenfasern in der Haut direkt stimuliert.
Daneben wirken lokale Trigger: Bei Barrierestörungen setzen Keratinozyten der Haut proinflammatorische Mediatoren frei, Mastzellen schütten Histamin aus, und pruritogene C-Fasern werden sensibilisiert. Chronische Entzündungen können zudem die lokale Nervenfaserdichte erhöhen und die Reizschwelle senken. So entsteht ein eng vernetztes neuroimmunes Gefüge, in dem periphere und zentrale Mechanismen ineinandergreifen – und an mehreren Stellen zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Juckreizes beitragen.
Lohnenswert ist aus ärztlicher Sicht deshalb eine differenzierte Anamnese. Ist der Juckreiz lokal begrenzt, oder tritt er generalisiert auf? Gibt es eine nächtliche Verstärkung der Symptome? Eine sorgfältige Medikamentenanamnese dazu ist obligat, da zahlreiche Substanzen pruritogen wirken können. Ergänzend sollten Alkoholkonsum sowie die Verwendung neuer Kosmetika oder Pflegeprodukte erfragt werden.
Spezifische Ursachen fürs Unspezifische
Darüber hinaus müssen systemische Ursachen konsequent in Betracht gezogen werden. Dazu gehören Leber-, Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen, Eisen- und Vitamin-B12-Mangel, Diabetes mellitus – auch im Sinne einer Erstmanifestation – sowie hämatologische Neoplasien [1]. Warnsymptome wie ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiss oder Fieber stellen Red Flags dar und bedingen eine zeitnahe weiterführende Diagnostik (siehe Tabelle 1).
Als Basislabor empfiehlt die Expertin ein Blutbild mit Leber- und Nierenparametern, TSH, Ferritin, Vitamin B12 sowie Blutzucker. Erweiternd können bei Bedarf Tryptase (bei Mastozytose-Verdacht), LDH oder antinukleäre Antikörper (zum Ausschluss einer Autoimmunerkrankung) bestimmt werden. Bei Schwangeren ist zudem die Bestimmung der Gallensäuren angezeigt, damit eine intrahepatische Cholestase nicht übersehen wird. Abhängig vom individuellen Risiko kann auch ein infektiologischer Test für manche Patientinnen und Patienten zielführend sein.
Für die Wahl einer zielgerichteten Therapie ist zunächst die präzise Einordnung der zugrunde liegenden Ätiologie entscheidend. In diesem Zusammenhang rückt die Hautbarriere zunehmend in den Fokus der Forschung. Sie ist, wie Türkay betonte, «keineswegs eine rein mechanische Schutzschicht», sondern ein funktionell hochaktives System, in dem vier Komponenten – physische, chemische, mikrobiologische und immunologische – zusammenspielen [2]. Bereits subtile Störungen können eine inflammatorische Kaskade im Sinne einer «barrier-damage-driven skin inflammation» initiieren.
Alter als wichtiger Faktor
Mit zunehmendem Alter verliert die Haut schleichend an funktioneller Stabilität. Sie wird dünner, produziert weniger Lipide und natürliche Feuchthaltefaktoren, während gleichzeitig der Wasserverlust steigt und sich das pH-Milieu verändert. Auch das Mikrobiom gerät aus dem Gleichgewicht.
Die Dermatologin machte deutlich, dass diese Veränderungen keine blossen Begleiterscheinungen des Alterns sind, sondern die Grundlage für eine erhöhte Reizbarkeit und inflammatorische Bereitschaft bilden. Viele ältere Patientinnen und Patienten berichten, in der Vergangenheit nie Hautprobleme gehabt zu haben – bis der Juckreiz plötzlich zum dauerhaften Begleiter wurde. Dahinter steht häufig keine neue Erkrankung, sondern eine funktionelle Barriereinsuffizienz. Was klinisch als trockene Haut auffällt, ist pathophysiologisch Ausdruck eines körperinternen Ungleichgewichts, das sich ohne gezielte Intervention weiter verstärkt.
Stabilisierung der Hautbarriere
Therapeutisch steht deshalb zunächst die konsequente Stabilisierung der Hautbarriere im Vordergrund. Rückfettende, feuchtigkeitsbindende Topika mit Harnstoff, Glycerin oder Ceramiden bilden dabei die Basis, ergänzt durch eine hautschonende Reinigung mit milden Syndets während kurzer Duschsequenzen mit lauwarmem Wasser. Irritative Einflüsse, von bestimmten Textilien bis hin zu stark entfettenden Pflegeprodukten, sollten konsequent gemieden werden. Bei Bedarf können lokal wirksame Antipruriginosa oder niedrig potente Kortikosteroide eingesetzt werden, sofern eine entzündliche Komponente vorliegt. Ebenso wichtig ist eine strukturierte Schlafhygiene, um einerseits die nächtliche Symptomverstärkung abzufedern. Andererseits führt ein Schlafmangel per se über mehrere nachgewiesene Pathomechanismen zur Verstärkung des Juckreizes – so entsteht ein Teufelskreis, da der Juckreiz wiederum den nächtlichen Schlaf stört.
Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten und -therapeutinnen
Darüber hinaus betonte Türkay die Bedeutung eines integrativen Ansatzes. Eine alleinige Wunderpille existiere nicht. Vielmehr müsse die topische Behandlung durch Lebensstilinterventionen ergänzt werden. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr, günstigen Fettsäureprofilen und antioxidativen Komponenten kann ebenso unterstützend wirken wie die Reduktion von Alkohol, stark verarbeiteten Lebensmitteln und chronischem Stress. Auch prä- und probiotische Strategien werden zunehmend diskutiert.
Nicht zuletzt spielen psychotherapeutische Verfahren eine relevante Rolle. Achtsamkeitsbasierte Interventionen, Atemtechniken oder verhaltenstherapeutische Ansätze konnten in Studien eine signifikante Reduktion des Pruritus zeigen. Entscheidend bleibt dabei die kontinuierliche Begleitung der Patientinnen und Patienten, und dass ihre Symptome ernst genommen werden (siehe Tabelle 2). Im Zweifel, oder wenn eine der Überweisungsindikationen gegeben ist, lohnt sich auch eine Überweisung zur spezialisierten Abklärung. «Die Haut ist ein Spiegel der inneren und äusseren Balance», so Emel Türkay – und verlangt entsprechend ganzheitliche Aufmerksamkeit.
Quelle
Trockene Haut und Juckreiz – Diagnostik und Therapie; FOMF Innere Medizin Update Refresher, Zürich und virtuell, 13. November 2025
Trockene Haut und Juckreiz – Diagnostik und Therapie; FOMF Innere Medizin Update Refresher, Zürich und virtuell, 13. November 2025
- Weisshaar E, et al. European S2k Guideline on Chronic Pruritus. Acta Derm Venereol. 2025; 105: adv44220
- Dajnoki Z, et al. Topographical variations in the skin barrier and their role in disease pathogenesis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025; 39(7): 1228-1238