In der Deutschtschweiz erlauben 17 von 19 Kantonen  behandelnden Ärztinnen und Ärzten das Führen einer Patientenapotheke. Die ärztliche Medikamentenabgabe sei eine wichtige Dienstleistung für die Patientinnen und Patienten und habe viele Vorteile, sind sich Dr. med. Edith Rosenberger und Dr. med. Christoph Gsteiger einig. Beide führen eine Hausarztpraxis mit eigener Patientenapotheke – sie in Affeltrangen TG, er in Jona SG. «Ich habe dadurch beispielsweise viel den besseren Überblick und die Kontrolle, ob Patientinnen und Patienten ihre Medikamente einnehmen», sagt Gsteiger.
Doch die Selbstdispensation ist auch mit beträchtlichem Aufwand verbunden – und seit einigen Jahren bringen Lieferengpässe von Arzneimitteln zusätzliche Komplikationen mit sich. Die Engpässe hätten zugenommen und seien kaum vorher abschätzbar, sagt Rosenberger. «Es ist eine Art Wundertüte, Vorwarnungen gibt es nie.» Immer öfter seien auch sehr wichtige Medikamente nicht lieferbar, zu denen es keine gleichwertigen Alternativen gebe, ergänzt Gsteiger. Er nennt das Beispiel des angstlösenden Medikaments Temesta, das mehrere Monate nicht lieferbar gewesen sei. «Es existieren zwar ähnliche Präparate, aber sie haben einfach nicht denselben Effekt.»
Dass Umstellungen auf Alternativpräparate zu Problemen führen können, bestätigt Edith Rosenberger. «So oder so nehmen viele Patientinnen und Patienten ihre Medikamente falsch, zu selten oder gar nicht ein. Wenn sich nun auch noch das Präparat und die Verpackung ändern, führt das zu Unsicherheiten», sagt sie. Oft kämen unterschiedliche Generika in unterschiedlichen Formen, Farben oder Tablettengrössen daher. Das alles könne dazu führen, dass ein Patient oder eine Patientin vielleicht auch nur aufgrund eines Nocebo-Effekts, ein Medikament nicht mehr vertrage.

Viele Medikamente sind zwar in der Schweiz nicht lieferbar, im grenznahen Ausland aber schon.

Aufwendige Konsultationen

Abgesehen davon kosten Medikamentenumstellungen Zeit, Geld und Nerven. Einem Patienten die neue Situation zu erklären, sei aufwendig, sagt Rosenberger. Sie erlebe das beispielsweise bei Kombinationspräparaten gegen Bluthochdruck. «Ist ein Wirkstoff nicht mehr lieferbar, muss eine Patientin vielleicht statt einer Tablette plötzlich drei einnehmen. Dies zu vermitteln, ist anspruchsvoll und zeitraubend.» Zudem führen die Umstellungen dazu, dass sie regelmässig Medikamentenkarten für all jene Patientinnen oder Patienten anpassen und neu kontrollieren muss, die in Pflegeheimen oder von der Spitex versorgt werden. Und wenn ein Alternativpräparat deutlich teurer ist als das nicht mehr lieferbare, zieht dies oft Verhandlungen mit den Krankenkassen nach sich.
Solche Erfahrungen macht auch Christoph Gsteiger. Er stellt fest, dass viele Medikamente zwar in der Schweiz nicht lieferbar sind, im grenznahen Ausland aber schon. «Manche Patientinnen und Patienten behelfen sich, indem sie ein Medikament auf der deutschen Seite des Bodensees oder in Norditalien besorgen.» Eine wichtige Stellschraube, um Engpässe zu vermeiden, liege deshalb bei den Behörden, sagt er. «Offenbar sind zumindest manche Präparate sehr wohl lieferbar – aber der Staat erschwert es heute, dass sie in die Schweiz gelangen.»
Rosenberger wiederum wünscht sich, dass die Hersteller die Gründe für Lieferengpässe kommunizieren. «Wir wissen praktisch nie, weshalb ein Medikament fehlt – dabei wäre es hilfreich, dies dem Patienten erklären zu können.» Sie erinnere sich an einen Lieferengpass beim Diabetesmedikament Ozempic, bei dem sich letztlich herausstellte, dass das Problem nicht beim Wirkstoff, sondern bei der zugehörigen Spritze lag. «Solche Informationen wären für uns und für die Patienten wichtig.»

Sonderfall Grippeimpfung

Eine Herausforderung ist auch die Gewährleistung der Impfstoffversorgung. Der Grippeimpfstoff etwa muss Monate im Voraus bestellt werden. «Ich verabreiche normalerweise ungefähr 400 Impfungen pro Saison», erzählt Rosenberger. Neu sei neben der herkömmlichen auch ein Hochdosis-Impfstoff verfügbar, der für ältere Menschen und Risikopatienten empfohlen sei. Das mache es schwieriger, die richtige Bestellmenge abzuschätzen, sagt Rosenberger. Weil dieses Jahr die Impfquote höher war als auch schon, sei ihr die normaldosierte Variante ausgegangen. «Zwar dürfte man Nichtrisikopatienten auch den Hochdosis-Impfstoff verabreichen­», sagt sie. «Doch die Kosten dafür werden nicht von der Krankenkasse übernommen.»
Christoph Gsteiger hatte keine Engpässe bei der Grippeimpfung. Er mache diesbezüglich gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit anderen Hausarztpraxen, erzählt er. «Wenn einer Praxis der Impfstoff ausgeht, können andere aushelfen – selbstverständlich unter Einhaltung der Kühlkette.» Dafür berichtet er von Schwierigkeiten, den Gürtelrosen-Impfstoff zu erhalten. Das sei umso ärgerlicher, weil die Pharmaindustrie für diese Impfung gleichzeitig die Werbetrommel schlage, sagt er.

Eine Herausforderung ist auch die Gewährleistung der Impfstoffversorgung

Vorausschauende Planung

Medikamentenengpässe verhindern können Arztpraxen natürlich nicht. Umso wichtiger sei es, die eigene Patientenapotheke vorausschauend zu bewirtschaften, finden sowohl Gsteiger als auch Rosenberger. Sie versuche, persönlich den Überblick über den Bestand ihrer Patientenapotheke zu behalten und die Verwaltung nicht alleine ihren Medizinischen Praxisassistentinnen zu überlassen, sagt Rosenberger. «Ich schaue jeden Tag kurz, welche Präparate vorhanden sind und welche fehlen.»
Der Überblick sei auch wichtig, um rechtzeitig festzustellen, ob Ablaufdaten von Präparaten näher rückten, um sie allenfalls noch zurückgeben zu können, sagt Christoph Gsteiger. Auf der anderen Seite, ergänzt Edith Rosenberger, bekomme sie beim Durchschauen der Apotheke ein Gefühl für saisonal schwankenden Bedarf. «Im Herbst fällt mir so zum Beispiel auf, dass es für die kommenden Wochen mehr Hustensirup oder Grippemedikamente braucht – und ich kann rechtzeitig davon bestellen.­» Mit umsichtiger Planung tragen selbstdispensierende Praxen dazu bei, dass sich die herausfordernde Medikamentenversorgung für die Patientinnen und Patienten nicht noch mehr verschärft.
koechlin@gmx.ch