Die meisten Menschen empfinden Wartezimmer als etwas Ödes, Langweiliges. Wir sind viel beschäftigt, haben wenig Zeit, viel Wichtiges zu tun, und natürlich wollen wir selbst bestimmen, wie wir unsere kostbare Zeit nutzen. Vielleicht haben wir uns gerade sehr beeilt, um rechtzeitig in der Arztpraxis einzutreffen, und ganz sicher wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosem Warten verschwenden.
Zugleich ist uns bewusst, dass wir uns beim Arztbesuch nicht über das Warten ärgern sollten. Wir wissen, wie es ist, wenn Unerwartetes hinzukommt oder eine Konsultation länger dauert als geplant. Und wenn wir selbst einmal notfallmässig vorbeikommen oder ein Anliegen haben, das etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt, dann wünschen wir uns auch, dass unsere Ärztin uns zuhört und sich Zeit nimmt, anstatt uns rasch abzuspeisen, weil der nächste Patient schon wartet.
Und wenn es uns gelänge, im Wartezimmer einfach zu entspannen, die Gedanken ziehen zu lassen und zu geniessen, dass wir gerade unverhofft einen Moment der Ruhe und des Innehaltens geschenkt bekommen? Einen Moment, in dem wir nichts tun müssen.
Kürzlich war ich mit meiner Tochter bei der Kinderärztin und dort – nur ganz kurz – im Wartezimmer. Wie es in Kinderarztpraxen üblich ist, hat es bei unserer Kinderärztin im Wartezimmer Spielsachen, eine Rutschbahn, ein Häuschen und weiteres mehr. Die Kinder tollten herum, zwei Mütter unterhielten sich. Die eine klagte, seit ihr Kind in der Kita sei, seien sie als Eltern permanent krank. Das ginge schon den ganzen Winter so. Sie sprach darüber, wie sie sich dabei fühlte. Die andere sagte, ihre Nächte seien derzeit so anstrengend, dass sie furchtbar müde und dünnhäutig sei. Es ärgere sie, dass es so wirke, als sei sie genervt, dabei sei sie einfach nur müde. Und sie sprach über die Diskussionen, die dies in der Partnerschaft mit sich bringe. Ich horchte auf – hustete und schnäuzte mir erneut die Nase. Denen geht es auch nicht besser als mir – ehrlich gesagt, haben sie es wohl deutlich schwerer, denn ich habe das Glück der ruhigen Nächte – zumindest meistens. Und offen gestanden, merkte ich, wie gut es mir tat zu hören, wie es anderen erging und wie sie mit der Situation umgingen.
Dass diese Art von Austausch gut tut, ist kein Geheimnis. Nicht zufällig spricht man von «Leidensgenossen» und sagt «Geteiltes Leid ist halbes Leid». Von Psychiaterinnen und Psychiatern habe ich mehrfach gehört, sie seien überzeugt, dass bei stationären Aufenthalten in der Psychiatrie der Austausch unter den Betroffenen genauso heilsam sei wie die eigentliche Therapie mit den Fachpersonen. Die Peer-Group sei elementarer Bestandteil der Therapie. Wir Erwachsenen tun uns jedoch oft schwer, über unsere eigenen Beschwerden, Probleme oder Sorgen zu sprechen. Lieber sprechen wir über unsere Kinder, Hunde und Katzen, oder «eine Freundin». Unter Erwachsenen ist es im Wartezimmer oft bedrückend still. Wieso eigentlich? Schämen wir uns? Wollen wir lieber stark und souverän wirken? Wie authentisch und sympathisch, ja, wie glaubwürdig ist das wirklich? Wie wäre es, wenn man im Wartezimmer leichter ins Gespräch käme? Natürlich braucht niemand seine Krankengeschichte zu offenbaren. Alle können und sollen bewusst dosieren, was sie erzählen möchten. Ein behutsamer Austausch könnte wohltuend, empathisch und unterstützend wirken. Wie könnten wir wohl diese Art von Austausch im Wartezimmer fördern? Vielleicht möchten Sie die Frage weiterverfolgen, während bei Ihnen gerade Ärger aufkeimen will, weil Sie irgendwo warten müssen. •••
charlotte.schweizer@fmh.ch