In der Schweiz leben rund 37 % aller Menschen ab 15 Jahren mit mindestens einer der fünf häufigsten nichtübertragbaren Krankheiten (NCD). Jährlich führen NCD zu rund 9000 vorzeitigen Todesfällen in der Schweiz. Entsprechend hoch sind die damit verbundenen Kosten: Im Jahr 2022 verursachten NCD direkte Krankheitskosten in der Höhe von CHF 65,7 Mrd. sowie Produktionsverluste in der Höhe von CHF 42,9 Mrd. Zusammen entspricht das rund CHF 109 Mrd. bzw. 14 % des BIP [1]. Ein grosser Teil dieser Belastung ist auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen. Der Tabakkonsum verursacht in der Schweiz jährlich CHF 3 Mrd. Krankheitskosten [2]. Übergewicht und Adipositas verursachten im Jahr 2022 CHF 3,7 Mrd. Krankheitskosten. Bewegungsmangel war verantwortlich für CHF 1,7 Mrd. Krankheitskosten. Zusammen stehen allein diese drei Lebensstilfaktoren für beinahe 10 % der gesamten Krankheitskosten. Der Hebel von Prävention ist folglich gross: Investitionen in der frühen Kindheit erzielen beispielsweise gemäss Studien von Nobelpreisträger James Heckman einen gesellschaftlichen Nutzen von bis zum 13-Fachen der Investition [3]. Wirksame Prävention kann somit nicht nur Krankheitslast und vorzeitige Todesfälle deutlich reduzieren, sondern auch einen substanziellen Beitrag zur Dämpfung der Krankheitskosten und der wirtschaftlichen Folgekosten leisten.

Geringe Investitionen

Angesichts dieser beeindruckenden Zahlen zeigt der Blick auf die Investitionen in Prävention Erstaunliches: Gemäss den letzten verfügbaren Daten der OECD werden hierzulande lediglich rund 1,9 % der laufenden Gesundheitsausgaben für Prävention eingesetzt. Der OECDDurchschnitt beträgt dagegen 3,4 % [4]. Im Jahr 2023 flossen in der Schweiz somit rund CHF 1,7 Mrd. in Gesundheitsförderung und Prävention. Finanziert wird dieses Engagement von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren: Rund ein Fünftel stammt vom Bund, ein ähnlich grosser Anteil von den Kantonen, dazu kommen die Beiträge der Gemeinden sowie ein bedeutender privat finanzierter Anteil. Mit rund 2,5 % an den gesamten Präventionsausgaben ist der Beitrag aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) relativ bescheiden. Markant höher ist dagegen der Beitrag der sozialen Unfallversicherung mit rund 12% [5].

Im Vergleich zu anderen Ländern nutzt die Schweiz das Potenzial der Prävention noch eher zaghaft.

Gesundheitsförderung Schweiz involviert

Verantwortlich für den Einsatz der Präventionsmittel aus der OKP ist die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz (GFCH), getragen durch die Kantone und die Krankenversicherer. Die Stiftung spielt eine bedeutende Rolle im Präventionssystem unseres Landes, denn sie verfügt gemäss dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung über den gesetzlichen Auftrag, Massnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention zu initiieren, zu koordinieren und zu evaluieren. Zudem ist die Stiftung neben Bund und Kantonen Trägerin der nationalen Strategie zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten. Auf diesen Grundlagen hat GFCH für die Jahre 2025–2028 fünf strategische Ziele definiert.
Die ersten drei strategischen Ziele beschreiben, was die Stiftung auf Ebene der wichtigsten Multiplikatoren im Sinne des gesetzlichen Initiierungsauftrages erreichen will. Das dritte strategische Ziel sei hier kurz ausgeführt, denn es bezieht sich auf die Akteurinnen und Akteure der Gesundheitsversorgung (inkl. die Ärzteschaft): «Die Projekttragenden aus der Prävention in der Gesundheitsversorgung engagieren sich für eine wirksame und nachhaltige Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten, psychischen Erkrankungen und Sucht.»
Ein prominentes Projekt aus diesem Bereich ist PEPra – Prävention mit Evidenz in der Praxis. PEPra stellt Hausarztpraxen ein umfassendes Paket zur Verfügung: Fortbildungen, praxistaugliche Instrumente für alle Phasen der Konsultation, Entscheidungs- und Gesprächshilfen sowie Übersichten über regionale Angebote – mit Fokus auf NCD, psychische Erkrankungen und Sucht. Finanziert wird PEPra massgeblich durch Gesundheitsförderung Schweiz, ergänzt durch Mittel der FMH und weiterer Partner. Der gesetzliche Koordinationsauftrag der Stiftung wird im vierten strategischen Ziel konkretisiert: «Die Akteurinnen und Akteure von Gesundheitsförderung und Prävention sind untereinander vernetzt, lernen voneinander und arbeiten effektiv und effizient zusammen.» Um dies zu erreichen, pflegt GFCH ein breites Netzwerk von Partnerschaften und Vernetzungsformaten.
Ziel dieser Arbeit ist es, Erfahrungen und Wissen zwischen Kantonen, Verbänden, NGOs, Wissenschaft, Wirtschaft und weiteren Akteuren zu teilen – und damit Qualität, Reichweite und Wirkung von Massnahmen systematisch zu erhöhen. Der dritte gesetzliche Auftrag der Stiftung – das Evaluieren – ist im fünften strategischen Ziel konkretisiert: «Effizienz und Wirkung der Massnahmen von Gesundheitsförderung Schweiz sind überprüft, die Ergebnisse sind kommuniziert und valorisiert.»

Komplexität reduzieren

Der Nachweis von Wirkung in der Prävention ist anspruchsvoll. Effekte treten oft zeitverzögert auf, zahlreiche Einflussfaktoren greifen ineinander, und der spezifische Beitrag einzelner Programme lässt sich selten eindeutig isolieren. GFCH begegnet dieser Komplexität mit einem systematischen Wirkungsmanagement: Für jeden Interventionsbereich und für sämtliche Programme und Projekte werden Wirkungsmodelle erstellt, die den Weg von Ressourcen und Aktivitäten zu kurz-, mittel- und langfristigen Effekten nachvollziehbar machen. Darauf aufbauend mandatiert die Stiftung externe Evaluationen und führt themen- sowie programmübergreifende Analysen durch. Ergänzend kommen verschiedene Monitorings zum Einsatz. Ein Beispiel ist das vergleichende BMI-Monitoring, das seit fast zwanzig Jahren gemeinsam mit Kantonen und Städten durchgeführt wird. Die aktuellen Auswertungen zeigen: Heute sind 17,2 % der Kinder und Jugendlichen übergewichtig oder adipös – 2010 waren es noch 18,5 %. Angesichts der Tatsache, dass die Übergewichtsrate bei Kindern international weiter steigt, kann diese Abnahme als Teilerfolg gewertet werden. Weiterführende Informationen Gesundheitsförderung Schweiz (Hrsg.), Prävention von chronischen Krankheiten: Strategien und Beispiele aus der Schweiz, 2022.

Ärzteschaft hat Schlüsselrolle

Ärztinnen und Ärzte sind wichtige Akteurinnen und Akteure der Prävention, weil sie Gesundheitsrisiken frühzeitig erkennen, Patientinnen und Patienten evidenzbasiert beraten und Veränderungsprozesse über längere Zeit begleiten können. Sie verfügen zudem über eine hohe Glaubwürdigkeit und erreichen Menschen auch dann, wenn diese (noch) nicht aktiv nach Präventionsangeboten suchen. Gerade in der Grundversorgung ergeben sich damit regelmässig niederschwellige Gelegenheiten, Risikofaktoren anzusprechen und wirksame Interventionen einzuleiten. Ein anschauliches Beispiel ist das Tabakrauchen: Die Ärztin oder der Arzt kann Rauchende begleiten und gezielt anleiten, etwa durch Kurzinterventionen, Motivationsarbeit und die Vermittlung in strukturierte Entwöhnungsangebote. Der Hebel ist gross, weil rund 70 % der Rauchenden mindestens einmal pro Jahr eine Hausärztin oder einen Hausarzt konsultieren [6].

Zentrale Verantwortung der Politik

Auch die Politik spielt eine zentrale Rolle in der Prävention, denn sie verfügt über zwei wichtige Ansatzpunkte für Prävention: Sie kann einerseits die notwendigen Ressourcen für Prävention bereitstellen und anderseits Rahmenbedingungen schaffen, die gesundheitsförderliches Verhalten erleichtern. Regulierungen und Verbote (z. B. im Bereich Tabak- und Alkoholwerbung) oder Lenkungsabgaben und Steuern haben sich international als besonders wirksam und kosteneffizient erwiesen. Allerdings haben Regulierungen in der Schweiz traditionell einen schweren Stand.
Das liberale Selbstverständnis setzt auf Eigenverantwortung und eine zurückhaltende Rolle des Staates. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Appelle an die individuelle Verantwortung dort an Grenzen stossen, wo wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen systematisch ungesundes Verhalten begünstigen. Prävention tangiert regelmässig die Geschäftsmodelle von Branchen wie Tabak, Alkohol, Lebensmittelproduktion oder Werbung. Alles Bereiche mit grossem Einfluss in der politischen Arena. Ob die Schweiz das volle Potenzial der Prävention ausschöpft, entscheidet sich daher nicht nur an der wissenschaftlichen Evidenz, sondern auch an der Fähigkeit, gesundheitspolitische Anliegen gegenüber wirtschaftlichen Partikularinteressen zu behaupten.

Schweiz hat gute Grundlage

Prävention kann quer über viele Krankheiten hinweg Morbidität und Mortalität deutlich reduzieren und das System nachhaltig finanziell entlasten. Im Vergleich zu anderen Ländern nutzt die Schweiz dieses Potenzial noch eher zaghaft. Die Grundlagen für eine erfolgreiche Präventionsarbeit sind jedoch auch in unserem Land vorhanden: engagierte Akteurinnen und Akteure, erprobte Instrumente und wachsende Evidenz. Mit einem zielgerichteten Ansatz, dem Einbinden der relevanten Akteurinnen und Akteure und einer systematischen Wirkungsüberprüfung arbeitet GFCH entschlossen daran, ihren gesetzlichen Auftrag mit den ihr anvertrauten Mitteln optimal zu erfüllen.

Weiterführende Informationen

Gesundheitsförderung Schweiz (Hrsg.), Prävention von chronischen Krankheiten: Strategien und Beispiele aus der Schweiz, 2022.
  1. ZHAW. Kosten der übertragbaren und nichtübertragbaren Krankheiten sowie Kosten der Risikofaktoren Übergewicht/ Adipositas und Bewegungsmangel in der Schweiz. Bericht im Auftrag des BAG (2025)
  2. Fischer B, et al. Volkswirtschaftliche Kosten von Sucht. Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (2021)
  3. Heckman JJ. Giving kids a fair chance. The MIT Press (2013)
  4. OECD. Health at a Glance (2025)
  5. BFS (Bundesamt für Statistik). Kosten und Finanzierung des Gesundheitswesens im Jahr 2023 (2025)
  6. Krebsliga Schweiz und Lungenliga Schweiz. Empfehlungen für die Raucherberatung in der ärztlichen und zahnmedizinischen Praxis (2009) Februar 2026