Unser Spitalalltag ist heute stressiger als früher. Zum anspruchsvollen Beruf kommen Effizienzsteigerungs- und Kostensenkungsmassnahmen dazu. Lange Gespräche mit Patienten und Angehörigen gehören nicht zu den gut fakturierbaren Leistungen. Ärztliche Haltung und Kommunikation können jedoch nachweislich einen entscheidenden Einfluss auf einen Krankheitsverlauf oder eine Heilung haben. Es lohnt sich, zu reflektieren und unsere jüngeren Kolleginnen und Kollegen bewusst zu schulen und vorzubereiten.

Namentliche Begrüssung auf Augenhöhe

Leider in Spital und Freizeit nicht immer selbstverständlich, begrüsse ich meine Patienten und Patientinnen bewusst mit ihrem Namen. Wenn ich sie und nicht ihre Diagnose bei meiner Beratung ins Zentrum stelle, dann wird die Beziehung stärker. Das ist auch im Gespräch mit Angehörigen wertvoll. Zum Gespräch setze ich mich hin und sage der Patientin, warum: «Damit wir auf Augenhöhe sind.» Das zeigt, dass ich mir Zeit nehme, und es baut Angst ab.

Gemeinsam mit der Pflege

Ich spreche mich immer zuerst mit der Pflege ab und gehe dann zusammen mit der Pflege ins Patientenzimmer. Meist haben die Pflegenden ein tieferes Verständnis für die Patientinnen punkto Entscheide wie Entlassungszeitpunkt, Mobilisation, Verdauung, Flüssigkeitszufuhr und weiteres mehr. Daher möchte ich von ihnen lernen. Es ist essenziell, dass Patienten spüren: Ärztinnen und Pflege arbeiten gut zusammen.

Wenn Sie meine Mutter wären

«Wenn Sie meine Mutter wären, würde ich Ihnen diese Behandlung empfehlen.» Das sage ich meinen Patientinnen und Patienten. «Es gibt für mich nur eine Ethik.» Wenn es da eine Diskrepanz gäbe, dass ich meiner Familie etwas anderes raten würde als meinen Patientinnen und Patienten, dann hätte ich ein ethisches Problem. Es ist auch unethisch, wichtige Entscheide den Patienten zu überlassen. Ich höre immer wieder, dass Patientinnen und Patienten gefragt wurden: «Wollen Sie operiert werden oder nicht?» Das kann eine Patientin, ein Patient nicht entscheiden. Wir müssen sie bei wichtigen Entscheiden begleiten.

Alltägliche Sprache

Ich spreche eine alltägliche Sprache – das fördert Vertrauen. Technische Ausdrücke und Fremdwörter machen Angst. Ein «insuffizientes» Herz genauso wie «versagende» Nieren. Nein, das Herz ist etwas geschwächt und wir sind dabei, es mit Medikamenten zu stärken. «Magengeschwür» tönt nach Krebs, daher rede ich von Entzündung der Magenschleimhaut, und diese heilt besser, «wenn wir die Magensäure mit einem Säureblocker mildern». Wir machen den Patientinnen und Patienten oft Angst, nicht weil ihre Erkrankung bedrohlich ist, sondern weil sie nicht verstehen, was wir ihnen sagen. Ich rede konsequent eine leicht verständliche Sprache.

Unsicherheit zugeben

Gute Ärztinnen und Ärzte wägen Vor- und Nachteile ab und geben Unsicherheit zu. Das schafft Vertrauen. Aber wir sollten Patientinnen und Patienten nicht verunsichern. Es ist nicht ideal, zu sagen: «Ich weiss nicht, was Sie haben.» Besser ist: «Wir müssen der Ursache Ihrer Beschwerden auf den Grund gehen.» «Wir besprechen die Behandlung mit den Spezialisten.» Noch etwas zum Abwägen: Ich weise meine Patientinnen und Patienten auf ihre Freiheit hin. «Natürlich dürfen Sie auch X wählen, aber ich empfehle Ihnen das nicht.» Sogar: «Sie müssen nicht impfen.» Und: «Sie müssen keine Chemotherapie machen.» Über gute Palliativgespräche schreibe ich gerne ein anderes Mal. Ich sensibilisiere zudem die Patienten täglich für das Thema unnötige Antibiotika – selbst, wenn Antibiotika nötig sind: «Man soll ja nicht unnötig Antibiotika einsetzen. Bei Ihnen finde ich das aber eine gute Idee.»

Angehörige miteinbeziehen

Die Angehörigen sollen unbedingt bei entscheidenden Ereignissen im Patientenalltag dabei sein, zum Beispiel bei der Visite. Unterstützung durch Angehörige lindert Ängste. Wenn ich die Familienperspektive mitberücksichtige, verbessert das die Patientenbeziehung und reduziert Missverständnisse. Zudem sparen wir dadurch Zeit, da wir dadurch weniger Angehörigengespräche führen müssen.
Wenn Patientinnen und Patienten bei der Visite von Angehörigen begleitet werden, lindert dies Ängste und reduziert Missverständnisse. 

Positive Kommunikation mit Berührung

Es ist nicht gut, nur negativ zu kommunizieren: «Der Infekt ist viral und geht ohne Antibiotika weg.» Sondern wir sollten bewusst Symptomlinderung anbieten: «Wir könnten ein Mittel einsetzen, das den Schleim löst – möchten Sie das?» Das ist positive Kommunikation und fördert den Optimismus in die Genesung und die Selbstheilungskräfte. Klingt esoterisch? Ist es aber nicht: Genau das ist Wundheilung oder Infektbeseitigung durch Leukozyten. Generell sollten wir kriegerische Sprache ersatzlos streichen: Das Immunsystem «behandelt» den Erreger, aber weder die Makrophagen noch das Amoxicillin noch die Behörden «bekämpfen» ihn.
Wir dürfen positive Botschaften nicht für uns behalten, sondern müssen sie unbedingt und regelmässig mit unseren Patientinnen und Patienten teilen: «Wir freuen uns, dass Ihr Fieber gesunken ist.» «Wir sind zufrieden, dass nach dem kleinen Elektroschock Ihr Herz wieder normal schlägt.» Nochmals: Positive Botschaften fördern die Genesung. Ebenso stärkt eine tägliche Untersuchung durch die Ärztin die Beziehung: Wir reden nicht nur mit unseren Patientinnen, wir müssen sie auch anfassen. So berühren wir sie physisch und mental.

Genesungsverlauf kennen und erklären

Wir müssen den normalen Verlauf der Genesung kennen und regelmässig benennen. Am Tag 1 der Pneumoniebehandlung: «Auch dem besten Antibiotikum müssen wir volle 48–72 Stunden Zeit geben, bis es wirkt – wenn Sie morgen noch Fieber haben, dann ist das keine Komplikation – sondern der zu erwartende Verlauf.» Die Patientin blickt so optimistischer auf das, was kommt. Und die junge Ärztin wird so schneller eine souveräne Kommunikatorin.

Begleiten und Verantwortung übernehmen

Wenn die Patientinnen oder Patienten heimgehen, kommt ein heikler Zeitraum. Ich gebe der Patientin, wenn möglich, meine Visitenkarte und Handynummer. So zeige ich: Ich übernehme die Verantwortung bis zum Kontrolltermin bei der Hausärztin. Auch jeder ambulante Therapiebeginn ist heikel, die Beipackzettel machen Angst. Daher: Ich kenne und nenne die häufigen Nebenwirkungen persönlich. Der Patient soll mich in zwei bis drei Tagen anrufen, sogar wenn er keine Nebenwirkungen hat: «Ich verspreche Ihnen, dass wir eine Therapie finden, die wirksam ist und die Sie möglichst gut vertragen.»

Danksagung

Der Autor bedankt sich bei Rebecca Pursell, Jenny Jäggi, Miriam Jäggi und Jan Vognstrup für ihre hilfreichen Kommentare.