Wenn Ärztinnen und Ärzte über unnötige Bürokratie klagen, fallen oft dieselben Stichworte: Doppeldokumentationen, Formulare, Kostengutsprachen oder wiederkehrende Rückfragen von Krankenversicherern. Die Kampagne «Papiertiger» der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) bestätigt dieses Bild [1].
Die Auswirkungen sind spürbar. Gemäss einer repräsentativen Umfrage von gfs.bern wenden praxisambulant tätige Ärztinnen und Ärzte durchschnittlich rund eine Stunde pro Tag für Vorgaben von Behörden und Versicherern auf. Besonders zeitintensiv sind Anfragen im Zusammenhang mit der Rechnungsstellung, Berichte für Erwerbsausfallversicherungen sowie Kostengutsprachen [2]. Zeit, die letztlich für die Versorgung von Patientinnen und Patienten fehlt.

Kontrollieren die Versicherer einfach zu viel?

Auf den ersten Blick scheint es naheliegend: Versicherer verlangen Unterlagen, stellen Rückfragen und verursachen damit Aufwand. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Rechnungskontrollen und Kostengutsprachen gehören zum gesetzlichen Auftrag der Krankenversicherer. Sie sollen sicherstellen, dass Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind und dass Prämiengelder verantwortungsvoll eingesetzt werden. Gleichzeitig unterliegen die Versicherer selbst einer Aufsicht.  Sie müssen nachweisen, dass sie ihre Prüfpflichten wahrnehmen, und werden abgemahnt, wenn sie es nicht tun.

Bürokratie entsteht oft nicht in den Organisationen selbst, sondern ist die Folge gesetzlicher und regulatorischer Vorgaben.

Auch aufseiten der Versicherer wächst der administrative Aufwand permanent: Neue regulatorische Vorgaben sowie zusätzliche und immer komplexere Limitationen führen zu einer stetigen Zunahme des Prüfaufwands. Zum Teil sehen sich die Versicherer gezwungen, ihre personellen Kapazitäten aufzustocken, um diesen leisten zu können. Nicht jede dieser Kontrollen erweist sich im Alltag als verhältnismässig. Genau darin liegt die Herausforderung: Es gilt, zwischen notwendiger Kontrolle und unnötiger Bürokratie zu unterscheiden.

Gemeinsam den Papiertiger zähmen

Vor diesem Hintergrund haben FMH und prio.swiss im Februar 2026 eine gemeinsame Initiative gestartet. Ziel ist es, administrative Belastungen zu identifizieren und systematisch nach Lösungen zu suchen – dort, wo nötig, auch im Dialog mit dem Regulator und der Politik. Mitglieder von FMH und prio.swiss können laufend Themenvorschläge zur Reduktion unnötiger administrativer Aufwände einbringen. Auch die Beispiele aus der Papiertiger-Kampagne der SGAIM fliessen hier ein.
Zusammenarbeit FMH und prio.swiss
Eigene Darstellung
Bis heute wurden bereits 58 Themen identifiziert. Viele betreffen komplexe oder schwer überprüfbare Limitationen bei Medikamenten und Hilfsmitteln, obligatorische vertrauensärztliche Prüfungen mit fraglichem Verhältnis von Aufwand und Nutzen sowie wiederkehrende Kostengutsprachen, etwa bei chronischen Verläufen. 
Ein Beispiel sind Verordnungen für Inkontinenzmaterial. Obwohl die medizinische Notwendigkeit in den meisten Fällen unbestritten ist, führen die geltenden Vorgaben zu Rückfragen und zusätzlichen Abklärungen. Hintergrund ist, dass gemäss Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) Angaben zum Schweregrad der Urininkontinenz erforderlich sind, da dieser für die Festlegung des Höchstvergütungsbetrags relevant ist und von den Versicherern überprüft werden muss. Für die Vertrauensärztinnen und Vertrauensärzte ist eine fundierte Beurteilung anhand der eingereichten Unterlagen jedoch oft schwierig. Gleichzeitig führen die zusätzlichen Abklärungen nur selten zu einer anderen Leistungsentscheidung. Das Resultat: Hoher administrativer Aufwand auf beiden Seiten bei kaum vorhandenem Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie Prämienzahlerinnen und Prämienzahler.

Wenn notwendig, dann digital

Die Rückmeldungen aus der Umfrage der Papiertiger-Kampagne zeigen nicht nur, wo unnötige Bürokratie entsteht, sondern auch, wo diese vor allem auch durch fehlende digitale Abläufe verursacht wird. Oder positiv formuliert: wo die Digitalisierung noch grosses Potenzial bietet. Besonders häufig berichten Ärztinnen und Ärzte von administrativen Aufgaben, die weiterhin auf Papier oder mittels manuell auszufüllender PDF-Dokumente abgewickelt werden [1].
Potenzial bei der Digitalisierung
SGAIM, Kampagne Papiertiger
Digitalisierung ersetzt zwar nicht die Frage nach der Verhältnismässigkeit und Sinnhaftigkeit von Kontrollen. Sie kann aber dazu beitragen, die Prozesse bei sinnvollen und notwendigen Kontrollen einfacher, schneller und weniger fehleranfällig zu gestalten. Während Krankenversicherer selbst in ihren Prozessen mit den Versicherten und bei der Rechnungskontrolle praktisch durchgehend digitalisiert sind, stellen sich in den Prozessen mit den Leistungserbringern diverse Herausforderungen. Genau hier besteht erhebliches Verbesserungspotenzial.
Ein Beispiel für einen Prozess, in den die Krankenversicherer nicht direkt eingebunden sind, sind Medikationslisten. Heute müssen diese Informationen häufig mehrfach erfasst oder manuell von einem System ins nächste übertragen werden. Eine gemeinsame digitale Medikationsliste («Shared Medication Record») könnte diesen Aufwand deutlich reduzieren und weniger fehleranfällig machen. Ebenso wichtig sind interoperable Primärsysteme, damit Informationen nur einmal erfasst werden müssen und Doppeldokumentationen vermieden werden. Für beide Anliegen engagiert sich prio.swiss im Rahmen des DigiSanté-Programms des Bundes.

Wo Aufwand und Nutzen aus dem Gleichgewicht geraten sind, sollten Prozesse gemeinsam kritisch überprüft werden.

Auch bei den Kostengutsprachen, die wiederum zwischen Krankenversicherer und Leistungserbringer erfolgen, besteht Handlungsbedarf. Viele Prozesse werden noch über Portale, HIN-Mails oder PDF-Dokumente abgewickelt. Digitale Lösungen, die von Leistungserbringern und Krankenversicherern gemeinsam getragen werden, stehen bereits zur Verfügung (etwa SHIP oder die elektronische Kostengutsprache von MediData). Entscheidend wird sein, diese Lösungen breiter zu etablieren und die Anbindung weiterer Akteure voranzutreiben.

Wie weiter?

Die eingereichten Themen werden derzeit gemeinsam priorisiert. Anschliessend erarbeiten Fachpersonen aus Ärzteschaft und Krankenversicherungen konkrete Lösungsansätze. Wo Prozesse vereinfacht, standardisiert oder digitalisiert werden können, sollen rasch erste Verbesserungen umgesetzt werden. Wo gesetzliche oder regulatorische Vorgaben die Ursache sind, braucht es zusätzlich den Dialog mit Behörden und Politik.
Nicht jede Kontrolle ist unnötige Bürokratie. Aber dort, wo der administrative Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum Nutzen steht, hinterfragen wir gemeinsam bestehende Abläufe kritisch und nehmen unsere Verantwortung zur Reduktion wahr. Gelingt dies, profitieren letztlich alle Beteiligten, insbesondere die Patientinnen und Patienten, für deren Versorgung wieder mehr Zeit zur Verfügung steht, und die Versicherten, die nicht unnötigen administrativen Aufwand im Gesundheitswesen finanzieren müssen.

Zusammenarbeit von FMH und prio.swiss

Die im Februar 2026 lancierte Zusammenarbeit zielt darauf ab, administrative Aufwände gemeinsam zu identifizieren und, wo möglich, zu reduzieren. Dazu wurde ein strukturierter Prozess etabliert, in dem Themen eingebracht, priorisiert und Lösungsansätze erarbeitet werden. Aktuell läuft die Suche nach Lösungen für ausgewählte Themen der ersten Welle.

Papiertiger-Kampagne der SGAIM

Die Papiertiger-Kampagne der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) will unnötige Bürokratie sichtbar machen und bekämpfen. Die Kampagne wird neben zahlreichen anderen Partnern auch von FMH und prio.swiss unterstützt. Der «Papiertiger» hilft, Ansatzpunkte zu identifizieren, die in der Zusammenarbeit der Dachverbände aufgenommen werden, um Lösungen zu entwickeln. Die Papiertiger-Kampagne lädt alle Fachgesellschaften und medizinischen Berufsorganisationen ein, Partner der Kampagne zu werden. Die Kampagnenflyer können kostenlos bestellt werden. Infos unter www.sgaim.ch/de/papiertiger.
  1. Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (2026). Umfrageergebnisse der Kampagne Papiertiger. Umfrage_Papiertiger_DE_260303 (Zugriff am 11.6.2026)
  2. gfs.bern (2025). Ambulant vor Stationär: Prozessanpassungen ohne strategische Verankerung. Fachkräftemangel bleibt kritisch. Befragung zum ärztlichen Umfeld im Auftrag der FMH 2025: S. 12–13. 2025-10-27_begleituntersuchung_fmh_schlussbericht_def.pdf (Zugriff am 11.6.2026)