Das Jahr 2025 war für das SIWF von der Krise in der Titelerteilung geprägt. Über längere Zeit hatte sich ein erheblicher Stau bei der Erteilung der Facharzttitel aufgebaut. Um diesen zügig abzubauen und die Prozesse nachhaltig zu stabilisieren, wurden neben verschiedenen internen Akutmassnahmen auch externe ärztliche Fachpersonen zur Unterstützung beigezogen. Welche Aufgaben sie übernommen haben, was sie motivierte und welchen Herausforderungen sie begegneten, schildern drei der beteiligten Ärztinnen und Ärzte, Dr. med. Corina Canova, Dr. med. Reto Thomasin und Dr. med. Raphäel Stolz, im folgenden Interview.
Das Interview führte Solange Lukas, Fachspezialistin Kommunikation und Managementsupport SIWF, mit Dr. med. Corina Canova, Mitglied Vorstand SIWF, Schweizerische Gesellschaft für Angiologie, Fachärztin Angiologie und Allgemeine Innere Medizin, Dr. med. Reto Thomasin, Mitglied Vorstand SIWF, vsao, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Dr. med. Raphael Stolz, Vizepräsident SIWF, Facharzt Allgemeine Innere Medizin, und Adrian Stoll, Geschäftsführer a. i. SIWF.
Corina Canova, wann waren Sie als Mitglied des Vorstands erstmals mit der Titelkrise konfrontiert, und wie haben Sie die Situation erlebt?
CC: Bereits im Frühjahr 2025 wurde das Thema im Vorstand erstmals aufgegriffen, nachdem wir von Kolleginnen und Kollegen vermehrt Rückmeldungen zu langen Wartezeiten bei der Erteilung von Facharzttiteln erhalten hatten. Bei der Analyse zeigte sich jedoch, dass keine verlässlichen Daten zur Verfügung standen, um das Ausmass der Problematik klar beurteilen zu können. Dies führte dazu, dass sich der SIWF-Vorstand intensiver mit der Situation befasste und vermehrt kritische Fragen stellte, die zunächst nur unzureichend beantwortet werden konnten.
Raphael Stolz, als Vizepräsident und damit Teil der Geschäftsleitung des SIWF haben Sie sich von Anfang an aktiv an der Abarbeitung der Titelanträge beteiligt. Welche Rolle haben die Ärztinnen und Ärzte gespielt, und wie haben Sie deren Zusammenarbeit mit dem SIWF erlebt?
RS: Die Ärztinnen und Ärzte leisteten einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Situation. Dank ihres fachlichen Hintergrunds konnten sie schnell und kompetent in die Dossierbearbeitung eingebunden werden und gemeinsam mit den Fachspezialistinnen und Fachspezialisten die Rückstände abbauen.
Die Zusammenarbeit mit dem SIWF gestaltete sich insgesamt sehr konstruktiv. Nach einer anfänglichen Phase des Kennenlernens entwickelte sich die Kooperation mit den beteiligten Abteilungen, wie zum Beispiel dem Rechtsdienst, der Informatik sowie den Fachspezialistinnen und Fachspezialisten, sehr positiv. Der ärztliche Beitrag war für die gemeinsam erzielten Ergebnisse von grosser Bedeutung.
Die Zusammenarbeit mit dem SIWF gestaltete sich insgesamt sehr konstruktiv. Nach einer anfänglichen Phase des Kennenlernens entwickelte sich die Kooperation mit den beteiligten Abteilungen, wie zum Beispiel dem Rechtsdienst, der Informatik sowie den Fachspezialistinnen und Fachspezialisten, sehr positiv. Der ärztliche Beitrag war für die gemeinsam erzielten Ergebnisse von grosser Bedeutung.
Adrian Stoll, Sie sind ab Mitte Dezember zum SIWF gestossen und fungieren als Geschäftsführer ad interim. Wie haben Sie die Lage wahrgenommen?
AS: Teams und Mitarbeitende funktionieren in Krisen oftmals nach anderen Prinzipien. Uns wurde sehr schnell klar, dass wir diese Herausforderung am besten gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten meistern werden. Wir haben gemeinsame Ziele formuliert und die Prozesse so angepasst, dass das gesamte System die drastisch erhöhte Produktivität verarbeiten konnte. Nebst der Bildung eines gemeinsamen Sonderstabs mit der FMH und dem SIWF-Vorstand waren Führung, Vertrauensaufbau, offene und belastbare Kommunikation, datenbasierte Leistungssteuerung, Rollenklarheit und ein regelmässiger, sehr enger Austausch mit allen Beteiligten nötig. Die realisierten Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache.
Reto Thomasin, Sie sind Mitglied des Vorstands des SIWFs und haben in den letzten Monaten viele Titelanträge abgearbeitet. Welches waren aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für Sie und die anderen Beteiligten?
RT: Die grösste Herausforderung war die schnelle Einarbeitung, damit die Dossiers rasch und zugleich möglichst einheitlich bearbeitet werden konnten. Erschwert wurde dies durch unterschiedliche Weiterbildungsprogramme, zahlreiche Ausnahmefälle und, man muss es so sagen, teilweise unvollständig eingereichte Anträge.
Ein grosser Vorteil war der direkte Kontakt mit den Kandidatinnen und Kandidaten, wodurch viele offene Punkte unkompliziert geklärt werden konnten. Zudem brachten die unterstützenden Ärztinnen und Ärzte wertvolles Vorwissen über die Programme und das gesamte System mit. Unterstützend wirkte auch das antizyklische Arbeiten, da viele Ärztinnen und Ärzte die Dossiers zusätzlich in ihrer Freizeit oder an Wochenenden bearbeiteten.
Ein grosser Vorteil war der direkte Kontakt mit den Kandidatinnen und Kandidaten, wodurch viele offene Punkte unkompliziert geklärt werden konnten. Zudem brachten die unterstützenden Ärztinnen und Ärzte wertvolles Vorwissen über die Programme und das gesamte System mit. Unterstützend wirkte auch das antizyklische Arbeiten, da viele Ärztinnen und Ärzte die Dossiers zusätzlich in ihrer Freizeit oder an Wochenenden bearbeiteten.
Corina Canova, haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
CC: Ich habe sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Herausfordernd war vor allem, die Einarbeitung zu organisieren und gleichzeitig das nötige Vertrauen zwischen den externen Ärztinnen und Ärzten und dem Team in Bern aufzubauen. Es ist uns sehr gut gelungen, eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, das war entscheidend.
Anspruchsvoll war, die Anliegen der Kandidatinnen und Kandidaten einzuordnen und abzuwägen, was möglich und vertretbar ist, um die Titelbearbeitung zu beschleunigen. Teilweise mussten wir dabei auch Erwartungen enttäuschen. Der Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen war psychologisch nicht immer einfach, gleichzeitig aber sehr wertvoll.
Anspruchsvoll war, die Anliegen der Kandidatinnen und Kandidaten einzuordnen und abzuwägen, was möglich und vertretbar ist, um die Titelbearbeitung zu beschleunigen. Teilweise mussten wir dabei auch Erwartungen enttäuschen. Der Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen war psychologisch nicht immer einfach, gleichzeitig aber sehr wertvoll.
Adrian Stoll, die Lage hat sich mittlerweile stabilisiert, und wir können die Krise hinter uns lassen. Was nehmen Sie für die Zukunft mit?
AS: Neben dem tollen Einsatz der SIWF-Mitarbeitenden in Bern war die ärztliche Unterstützung ein essenzielles Element in der Bewältigung der Krise. Wir haben dabei mehr als einmal realisiert: «Ärzte und Ärztinnen können Krise!» Wir haben aus der Situation gelernt, dass wir gemeinsam mehr erreichen als allein. Deshalb werden wir die ärztliche Unterstützung auch inskünftig im SIWF beibehalten. Dieses Prinzip wird auch im Zielbild des SIWF verankert werden. Wir freuen uns sehr darüber, dass die Ärztekammer dieses Anliegen teilt und wir somit den Weg der aktiven Einbindung ärztlicher Kompetenzen konsequent weitergehen können. Dies wird auch in den Anpassungen der Governance reflektiert sein.
RS: Ich kann dem nur zustimmen. Schliesslich geht es um die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten. Daher sollten die ärztliche Perspektive und die ärztlichen Erfahrungen auch weiterhin direkt in die zentralen Prozesse der Weiterbildung einfliessen.
RS: Ich kann dem nur zustimmen. Schliesslich geht es um die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten. Daher sollten die ärztliche Perspektive und die ärztlichen Erfahrungen auch weiterhin direkt in die zentralen Prozesse der Weiterbildung einfliessen.
Gibt es noch etwas, das Sie den Assistenzärztinnen und -ärzten und Weiterbildungsstätten mitgeben möchten, wenn es um die Titelanträge geht?
RT, RS und CC sind sich einig: Wer den Facharzttitel anstrebt, sollte sich frühzeitig mit den Anforderungen des Weiterbildungsprogramms auseinandersetzen, das Logbuch kontinuierlich pflegen und auf ein vollständiges Dossier achten. Offene Fragen sollten rechtzeitig geklärt und die Informationen der zuständigen Fachgesellschaften regelmässig konsultiert werden. Eine vorausschauende Planung kann dazu beitragen, Verzögerungen im Verfahren zu vermeiden.
CC ergänzt: Ohne das grosse Engagement der beteiligten Ärztinnen und Ärzte wäre diese Herausforderung nicht so rasch zu bewältigen gewesen. Dies zeigt: Ärztinnen und Ärzte können nicht nur Krisen meistern, sondern auch gemeinsam Lösungen finden und Veränderungen erfolgreich mitgestalten und mittragen. Gleichzeitig ist es ein Ansporn für junge Kolleginnen und Kollegen, ihre Weiterbildung aktiv und vorausschauend zu gestalten.
CC ergänzt: Ohne das grosse Engagement der beteiligten Ärztinnen und Ärzte wäre diese Herausforderung nicht so rasch zu bewältigen gewesen. Dies zeigt: Ärztinnen und Ärzte können nicht nur Krisen meistern, sondern auch gemeinsam Lösungen finden und Veränderungen erfolgreich mitgestalten und mittragen. Gleichzeitig ist es ein Ansporn für junge Kolleginnen und Kollegen, ihre Weiterbildung aktiv und vorausschauend zu gestalten.