Mario Venzin 
Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Pratica Lumnezia, Vella GR
Was hat Sie bewogen, in einer ländlichen Region zu arbeiten?
Ich bin in der Surselva aufgewachsen und war der Region immer eng verbunden. Trotzdem war für mich nach dem Studium zunächst keineswegs klar, dass ich einmal hier als Hausarzt arbeiten würde. Entscheidend war eine dreimonatige Assistenzzeit in einer ländlichen Hausarztpraxis. Dort habe ich gemerkt, wie gut diese Form der Medizin und dieses Umfeld zu mir passen. Acht Jahre später habe ich genau diese Praxis übernommen. Dass meine Frau diesen Weg mitgetragen hat, war ein wichtiger Faktor.
Was sind die Vor- und Nachteile dieses Entscheids?
Für mich überwiegen die Vorteile deutlich. Das Leben ist weniger hektisch, ich habe kurze Wege und kann trotz eines anspruchsvollen Berufs viel am Familienleben teilnehmen. Auch medizinisch ist die Tätigkeit ausgesprochen abwechslungsreich. Ich schätze zudem die Kontinuität und das grosse Vertrauen vieler Patientinnen und Patienten. Die Kehrseite dieser Nähe ist die fehlende Anonymität. Beruf und Privatleben lassen sich in einem kleinen Tal weniger klar voneinander trennen als in einer Stadt. Als einzige Praxis im Tal spüre ich zudem eine besondere Verantwortung für die Bevölkerung und bin für die Notrufzentrale praktisch jederzeit erreichbar. Ich mache das gerne, aber diese dauernde Verfügbarkeit erzeugt auch einen gewissen Druck.
Wie vernetzen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in abgelegenen Gemeinden tätig sind?
Ein wichtiger Treffpunkt ist unser regionaler Qualitätszirkel, der sechsmal jährlich stattfindet. Dort tauschen wir uns über medizinische Fragen und gemeinsame Herausforderungen der regionalen Versorgung aus. Der fachliche Austausch mit Ärztinnen und Ärzten aus städtischen Regionen und mit anderen Fachdisziplinen ist aber ebenso wichtig. Gute Medizin unterscheidet sich in ihren Grundlagen nicht danach, ob sie in Zürich oder in einem Bündner Bergtal stattfindet.
Katharina und Benjamin Stettler-Gruntz
Dres. med., Fachärzte für Allgemeine Innere Medizin, Hausarztpraxis, Bürglen UR
Was hat Sie bewogen, in einer ländlichen Region zu arbeiten?
Wir haben uns nach unseren Ausbildungen bewusst für eine Praxis auf dem Land entschieden, weil die Hausarztmedizin hier besonders vielfältig ist. Wir betreuen vom Neugeborenen bis zum Urgrossvater manchmal vier Generationen einer Familie. Weil Spezialisten etwas weiter weg sind, machen wir vieles selbst: chirurgische Eingriffe, Ultraschall, Gipsverbände und Notfallbehandlungen. Zudem leben wir gerne auf dem Land. Mit unseren drei kleinen Kindern schätzen wir den zweiminütigen Arbeitsweg – und den Blick aus der Praxis auf Berge und Kühe.
Was sind die Vor- und Nachteile dieses Entscheids?
In unserer kleinen Praxis können wir die persönliche Medizin leben, die uns wichtig ist. Wir kennen die Menschen, ihre Familien und durch Hausbesuche auch ihr Lebensumfeld. So wachsen vertrauensvolle Beziehungen. Die Kehrseite ist die hohe Arbeitsbelastung: Zwölfstundentage kommen vor, und die Erwartungen an unsere Erreichbarkeit sind hoch. Im 24-Stunden-Notfalldienst tragen wir Verantwortung für den ganzen Kanton und müssen auch nachts ausrücken. Unser breites Tätigkeitsspektrum verlangt zudem viele Fortbildungen, die wegen der langen Anreisen besonders zeitaufwendig sind.
Wie vernetzen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in abgelegenen Gemeinden tätig sind?
Ein spezielles Netzwerk mit anderen Landärztinnen und Landärzten haben wir nicht. Besonders wichtig ist uns der Kontakt zu Studienfreunden und ehemaligen Ausbildungskolleginnen, oft auch ausserhalb des Kantons. Wir tauschen uns über medizinische Fragen, die Arbeitsorganisation oder die Mitarbeiterführung aus. Ob jemand auf dem Land oder in der Stadt arbeitet, ist dabei zweitrangig. Hinzu kommen Kontakte im Hausarztverband, zu Kollegen und Kolleginnen in Nachbargemeinden und bei Fortbildungen.
Eva Kaiser
Dr. med., Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, Ärztezentrum Oberhasli, Meiringen BE
Was hat Sie bewogen, in einer ländlichen Region zu arbeiten?
Schon während meiner Weiterbildung hat mir die Arbeit in Spitälern in den Alpen (Ilanz und Chur) gut gefallen. Wegen der Karriere meines Mannes arbeitete ich vorerst in der Region Basel. Aber dann sahen wir neben einem Skilift in Hasliberg ein Plakat, auf dem stand: «Werden Sie unsere Hausärztin! Arbeiten, wo andere Ferien machen!» So kam ich ins Ärztezentrum Oberhasli, eine Gemeinschaftspraxis, an der die grossen Arbeitgeber und die Gemeinden der Region als Aktionäre beteiligt sind.
Was sind die Vor- und Nachteile dieses Entscheids?
Die Arbeit ist sehr vielfältig. Wir haben hier eine tolle Wohnbevölkerung, die nicht wegen jedem Wehwehchen zum Doktor geht – und die ihrer Hausärztin sehr vertraut. Die Gruppenpraxis bietet die Möglichkeit, die Arbeit verträglich zu verteilen und, wo möglich, an die MPK zu delegieren, sodass jeder von uns auch Freizeit hat, um die schöne Region zu geniessen. Das Berner Oberland legt in naher Zukunft die Notfallkreise zusammen. Das hat für die Patientinnen und Patienten einige Nachteile, wie längere Wege. Aber für Hausärztinnen und Hausärzte hat es den Vorteil, dass wir weniger Notfalldienste übernehmen müssen.
Wie vernetzen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in abgelegenen Gemeinden tätig sind?
Wir haben in Meiringen einen Qualitätszirkel unseres Ärztenetzwerks, der sich hybrid trifft, damit auch Kolleginnen und Kollegen mit weitem Anfahrtsweg teilnehmen können. Ausserdem engagiere ich mich im ärztlichen Bezirksverein, da bekomme ich mit, was bei den anderen läuft. Wir haben regelmässig Medizinstudierende der Uni Bern zum Tutoriat in der Praxis und bieten eine Praxisassistenzstelle an, die beliebt ist, da sie einen guten Einblick in den bunten Strauss der Haus-, Berg- und Landarztmedizin bietet. Um später Nachfolger zu haben, muss man rechtzeitig mit dem Nachwuchs in Kontakt sein.
Nicolas Wenger
Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Gruppenpraxis Cabinet la Martel, Les Ponts-de-Martel NE
Was hat Sie bewogen, in einer ländlichen Region zu arbeiten?
Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen. Während des Studiums absolvierte ich mehrere Praktika in ländlichen Praxen, zum Beispiel in Le Landeron NE, und entdeckte, wie abwechslungsreich die Arbeit dort ist: Neben der Sprechstunde gehören Notfälle, kleinere chirurgische Eingriffe, Röntgen- und Laboruntersuchungen sowie Haus- und Pflegeheimbesuche dazu. Nach meiner Facharztweiterbildung in Allgemeiner Innerer Medizin wollte ich deshalb aufs Land zurückkehren. Wichtig war mir auch die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten.
Was sind die Vor- und Nachteile dieses Entscheids?
Ich schätze die Vielfalt, die Selbstständigkeit und die langfristige Beziehung zu den Patientinnen und Patienten. Wir betreuen oft mehrere Generationen einer Familie und kennen dadurch auch ihr soziales Umfeld. Hausbesuche vermitteln zusätzlich ein umfassendes Bild ihrer Lebenssituation. Weil Labor und Röntgen direkt in der Praxis verfügbar sind, können wir vieles rasch abklären. Eigentliche Nachteile sehe ich kaum: Ich bin in einer Gruppenpraxis tätig und dadurch weder isoliert noch ständig auf Abruf – zumal nachts die Spitäler in Neuenburg und La Chaux-de-Fonds einen Teil der Notfallversorgung übernehmen.
Wie vernetzen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in abgelegenen Gemeinden tätig sind?
Am engsten tausche ich mich mit den beiden anderen Ärzten unserer Gruppenpraxis aus. Wir vertreten und unterstützen uns gegenseitig, etwa bei Ferien, Pflegeheimbesuchen oder Notfällen. Zudem treffe ich mich ungefähr einmal im Monat in einem Qualitätszirkel mit ungefähr einem Dutzend Hausärztinnen und Hausärzten aus ländlichen und städtischen Gebieten der Region. Dort besprechen wir Fälle, Probleme aus dem Praxisalltag und gesundheitspolitische Fragen.