Prävention bezeichnet die Kunst, Erkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Wir beginnen eine Therapie in der Gegenwart, um die Zukunft günstig zu beeinflussen. Verständlich, dass es ärztliches Einfühlungsvermögen braucht, um dieses Konzept schlüssig zu vermitteln, insbesondere wenn die therapeutische Massnahme als «lebenslänglich» angedroht wird. Fortschritte in der Kardiologie haben einen wesentlichen Anteil am Anstieg der Lebenserwartung in den letzten fünfzig Jahren. Die Mortalität bei Herzinfarkten in den USA konnte beispielsweise von 1970 bis 2022 um neunzig Prozent reduziert werden [1]. Wichtiger für die Langzeitprognose als die Stentimplantation erscheint jedoch eine optimale Sekundärprävention, allen voran die Senkung des LDL-Cholesterins. Durch verbesserte Risikomodelle mittels künstlicher Intelligenz sind in den kommenden Jahren auch bahnbrechende Fortschritte in der Primärprävention zu erwarten, um Hochrisikopatientinnen und -patienten sehr frühzeitig zu identifizieren und aggressiv zu therapieren [2].
In der aktuellen politischen Debatte über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems fehlt vielfach ein wesentlicher Aspekt: Am billigsten (und zufriedensten) sind letztlich die gesunden Wählerinnen und Wähler – eine Win-win-Situation! Somit wäre die Gesundheitspolitik gut beraten, Anreize zu setzen, damit Menschen sich mehr mit ihrem Lebensstil auseinandersetzen. Eine rezente Studie zeigt, dass eine rechtzeitige Therapie der typischen kardiovaskulären Risikofaktoren mehr als zehn Lebensjahre ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen erreichen kann [3]. Man könnte den Gedanken noch weiter spinnen und gesunde Lebensmittel steuerlich begünstigen und ungesunde stärker besteuern. Die gewonnenen Mittel könnten dann direkt zur Entlastung der Krankenkassenprämien dienen. Menschen mit abträglichem Lebensstil würden so – risikoadjustiert – einen finanziellen Beitrag leisten. Das Bildungsniveau korreliert bekanntermassen mit der Lebenserwartung. Ein eigenverantwortliches Gesundheits- und Ernährungsbewusstsein ist somit erlernbar. Folglich wäre eine Investition in die Gesundheitsbildung der Bevölkerung sicherlich in vielerlei Hinsicht lohnend. Dr. Google und ChatGPT liefern dem interessierten Laien zwar eine Lawine an Informationen, teilweise jedoch mit kontradiktorischen Inhalten. Als Fazit bleiben dann nicht selten Ratlosigkeit und falsche Schlussfolgerungen zurück.
Ein KI-generierter Chatbot zu Gesundheitsfragen, moderiert durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) als objektive Instanz, wäre wünschenswert und könnte die Prävention stärken. Um auch junge Menschen besser zu erreichen, sollten Infokampagnen des BAG auf Social-Media-Kanälen und in der Schule forciert werden.
Unter Jugendlichen kommt es leider, entgegen dem Trend der letzten Jahre, wieder zu einem Vormarsch des Nikotinabusus durch Vapen. Die Basis für die Prävention von späteren Erkrankungen beginnt also bereits in
der frühen Jugend. Aus ärztlicher Sicht wäre es erstrebenswert, dass auch die Gesundheitspolitik sich vermehrt der unterschiedlichen Facetten der Prävention bewusst wird und diese gezielt fördert, um unsere Patientinnen und Patienten gesünder zu machen und das Gesundheitssystem finanzierbar zu halten
- King SJ, et al. Heart Disease Mortality in the United States, 1970 to 2022. J Am Heart
Assoc. 2025 Jul; 14(13): e038644 - Bohula EA, et al. Evolocumab in Patients without a Previous Myocardial Infarction or
Stroke. N Engl J Med. 2025 Nov 8. doi: 10.1056/NEJMoa2514428 - Magnussen C, et al. Global Effect of Cardiovascular Risk Factors on Lifetime Estimates.
N Engl J Med 2025; 393: 125–138