Leander Muheim
Dr. med., Hausarzt in Zürich Altstetten, Vizepräsident mediX schweiz
Welche administrativen Aufgaben empfinden Sie im Arbeitsalltag als besonders zeitaufwendig oder belastend?
Die Nachfrage nach ärztlichen Zeugnissen stellt für mich das grösste Problem dar. Eine zentrale Rolle spielen die Arbeitsunfähigkeitszeugnisse, die bereits nach kürzester Krankheitsdauer durch Patienten oder ihre Arbeitgeber eingefordert werden. Eine starke Zunahme an Anfragen gibt es im sozial- und migrationsmedizinischen Spektrum: Für jegliche Wünsche – Ernährung, Einzelzimmer oder bequemere Matratze – schickt der Sozialdienst Patientinnen und Patienten für eine Bescheinigung zum Arzt. Zu einer hohen Belastung führen auch regulatorische Vorschriften, die man als unabhängige Praxis erfüllen muss – von der Sterilisation von Instrumenten bis zur Praxisapotheke. Hier sollten die zuständigen Behörden und Ämter dafür sorgen, dass Administration abgebaut wird.
Welche Folgen hat der administrative Druck auf Ärztinnen und Ärzte – und letztlich auf Patientinnen und Patienten?
Bei Ärztinnen und Ärzten kann es im schlimmsten Fall zu einer Sinnentfremdung ihrer Tätigkeit kommen: Die meisten haben Medizin studiert, um kranken Menschen zu helfen, und nicht, um Formulare und Bescheinigungen auszustellen. Da wir ohnehin zu wenig Fachpersonen mit klinischer Expertise haben, sollten wir streng darauf achten, diese Ressource umsichtig einzusetzen. Die Patienten und Patientinnen merken die Konsequenzen teilweise heute schon: Es ist zunehmend schwieriger, einen Hausarzt oder eine Hausärztin zu finden.
Welche konkreten Änderungen würden Sie im Arbeitsalltag spürbar entlasten? Wenn Sie eine bürokratische Vorgabe sofort abschaffen könnten – welche wäre das?
Das Arbeitsunfähigkeitszeugnis unter 10 Tagen Krankheit sollte sofort abgeschafft werden, wobei mir bewusst ist, dass dies nicht so einfach ist. Zudem sollten Sozialdienste soziale Probleme vor Ort lösen: Als Arzt kann ich zwar beurteilen, ob ein Patient an einer Depression leidet. Ob er deswegen in einem Flüchtlingsheim ein Einzelzimmer benötigt, überschreitet aber die Grenzen meiner Kompetenz. Grundsätzlich braucht es wieder mehr Eigenverantwortlichkeit. Wir können nicht jedes Mal reflexartig nach dem Arzt rufen. Wir haben jetzt schon zu wenig Fachpersonen.
Svenja Ravioli
Dr. med., Oberärztin, Institut für Notfallmedizin, Stadtspital Zürich Triemli
Welche administrativen Aufgaben empfinden Sie im Arbeitsalltag als besonders zeitaufwendig oder belastend?
Am meisten Zeit kostet das Zusammentragen von Patientendaten aus verschiedenen, nicht vernetzten Systemen – etwa Laborbefunde, Röntgenbilder oder Medikamentenlisten, ohne die wir im Spital eine Patientin oder einen Patienten nicht behandeln können. Zudem ist die Dokumentation sehr aufwendig: Arztbriefe werden mehrfach bearbeitet, ergänzt und freigegeben, wobei Medienbrüche zusätzlichen Aufwand verursachen.
Welche Folgen hat der administrative Druck auf Ärztinnen und Ärzte – und letztlich auf Patientinnen und Patienten?
Für Patientinnen und Patienten führt der Aufwand im schlimmsten Fall zu Fehlbehandlungen oder Verzögerungen beim Behandlungsbeginn. Weil Akten und Unterlagen an verschiedenen Orten abgelegt sind, müssen sie zudem oft mehrfach die gleichen Fragen beantworten. Und letztlich steigt überall, wo man etwas abschreiben oder übertragen muss, das Fehlerrisiko. Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet der administrative Druck mehr Zeit am Computer statt am Patientenbett, oft verbunden mit Überstunden. Langfristig kann er zu Frustration und Erschöpfung führen.
Welche konkreten Änderungen würden Sie im Arbeitsalltag spürbar entlasten? Wenn Sie eine bürokratische Vorgabe sofort abschaffen könnten – welche wäre das?
Entlastend ist es, wenn Sekretariate explizit Aufgaben wie das Einholen von Patientendaten übernehmen. In einem anderen Punkt könnten wir vom Ausland lernen: Ich habe ein Jahr in Grossbritannien und zwei Jahre in Österreich gearbeitet – in beiden Ländern existiert ein gut funktionierendes elektronisches Patientendossier, das die Arbeit enorm erleichtert. Gerade Österreich ist punkto Digitalisierung sehr weit, zum Beispiel mit dem E-Rezept. Medizinische Dokumentation ist notwendig und wichtig, aber Austrittsberichte könnte man aus meiner Sicht deutlich kürzer und fokussierter halten.
Sophie de Seigneux
Prof. Dr. med., Chefärztin Abteilung Nephrologie und Hypertonie, Leiterin Medizinische Fakultät, Universitätsspital Genf
Welche administrativen Aufgaben empfinden Sie im Arbeitsalltag als besonders zeitaufwendig oder belastend?
Am meisten Zeit beansprucht für mich persönlich die Flut von E-Mails, nur schon das Sichten und Sortieren ist ein grosser Aufwand. Hinzu kommen zahlreiche, manchmal überflüssige Sitzungen. Und dann natürlich all die Berichte, Erstattungsanträge an Krankenkassen oder Begründungen für Medikamentenverschreibungen, die alle Ärztinnen und Ärzte kennen – die Kolleginnen und Kollegen in der Privatpraxis wahrscheinlich noch ausgeprägter als wir an einem Universitätsspital.
Welche Folgen hat der administrative Druck auf Ärztinnen und Ärzte – und letztlich auf Patientinnen und Patienten?
Der administrative Aufwand reduziert die Zeit für Patientinnen und Patienten und kann Behandlungen verzögern. Aufwendige Bewilligungs- und Erstattungsverfahren blockieren teilweise Therapien, überlasten das System und führen zu erheblichen Rückständen bei Anträgen. Was man aber auch sagen muss: Es gibt viele Aufgaben, die sich heute digital viel rascher erledigen lassen als früher, zu Zeiten von Fax und Papierdokumenten.
Welche konkreten Änderungen würden Sie im Arbeitsalltag spürbar entlasten? Wenn Sie eine bürokratische Vorgabe sofort abschaffen könnten – welche wäre das?
Entlastung bringen würden weniger E-Mails – und weniger Rechtfertigungsrückfragen der Versicherer. In unserem Spital gibt es Abteilungen, die Mitarbeitende einstellen mussten, die sich ausschliesslich um solche Erstattungsanträge kümmern. Für Erleichterung sorgen könnten auch eine Automatisierung von Abläufen sowie in Zukunft leistungsfähige Sprach- und KI-gestützte Dokumentationssysteme. Ich habe das grosse Glück, eine hervorragende Assistentin zu haben, die mir sehr viele organisatorische Aufgaben abnimmt. So bleibt mir mehr Zeit für die eigentliche medizinische Arbeit.
Niels Buis
med. pract., Assistenzarzt Innere Medizin, Stadtspital Zürich (bis Ende Juni 2026)
Welche administrativen Aufgaben empfinden Sie im Arbeitsalltag als besonders zeitaufwendig oder belastend?
Ein gewisses Mass an Administration gehört zum Beruf. Der grösste vermeidbare administrative Aufwand entsteht wohl an Schnittstellen: Beim Eintritt einer Patientin, eines Patienten müssen wir oft externe Berichte und Voruntersuchungen anfordern, um sie ins spitaleigene Klinikinformationssystem zu übertragen. Weiter betrachte ich administrative Arbeiten als belastend, die nicht der Versorgungsqualität dienlich sind. So zum Beispiel Rückfragebögen der Versicherer oder das Einholen von Kostengutsprachen für Therapien oder Rehabilitationen. Wenn ärztliche Indikationsstellungen fast systematisch hinterfragt oder gar abgelehnt werden, führt das zu teuren und zeitintensiven Leerläufen.
Welche Folgen hat der administrative Druck auf Ärztinnen und Ärzte – und letztlich auf Patientinnen und Patienten?
Die Bürokratie führt zu Überzeit und Überbelastung. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Fehler. So bleibt wenig Zeit für Übergaben zwischen Schichten, oder es passieren spät abends Verordnungsfehler. Ein anderes Beispiel sind DRG-angepasste Diagnoselisten. Sie sind enorm umfangreich und vor allem zur Fakturierung aufgebaut: Wichtige Diagnosen stehen oft nicht am Anfang der Liste, sondern weit hinter der aktuellsten Elektrolytverschiebung. Im hektischen Alltag werden so chronische Diagnosen teilweise übersehen, was zu Behandlungsfehlern führen kann.
Welche konkreten Änderungen würden Sie im Arbeitsalltag spürbar entlasten? Wenn Sie eine bürokratische Vorgabe sofort abschaffen könnten – welche wäre das?
Sofort abschaffen würde ich Berichte bei Bagatellen und Standardfällen. Das gilt insbesondere für die Notfallstation. Bei einem Kopfwehpatienten müssen wir detailliert unsere Entscheide rechtfertigen, während in der Hausarztpraxis eine Aktennotiz von einem Satz ausreicht. Gerade bei Patientinnen und Patienten, die Notfallbehandlungen unnötigerweise in Anspruch nehmen, führt dies zu Mehraufwand.
Alexandre Rebmann
med. pract., Assistenzarzt, Hôpital des Trois-Chêne, Genf
Welche administrativen Aufgaben empfinden Sie im Arbeitsalltag als besonders zeitaufwendig oder belastend?
In meinem Spitalalltag ist das grösste bürokratische Problem zweifellos, dass wir keinen Zugriff auf die ambulanten Akten unserer Patienten und Patientinnen haben. Die Assistenzärztinnen und -ärzte oder das Sekretariat müssen erhebliche Anstrengungen unternehmen, um Zugang zu einer Krankenakte, einer Erläuterung einer Verschreibung oder einer Medikamentenliste zu erhalten. Oft müssen sie dafür behandelnde Ärzte oder Ärztinnen wegen trivialer Informationen stören. Das Risiko von Fehlern oder Informationsverlusten in diesen Übergangsphasen ist sehr hoch. Die Lösung wäre natürlich eine landesweite elektronische Patientenakte.
Welche Folgen hat der administrative Druck auf Ärztinnen und Ärzte – und letztlich auf Patientinnen und Patienten?
Der Arzt bzw. die Ärztin ist oft der Engpass, der die Schnelligkeit der Spitalversorgung bestimmt. Eine Zunahme von Aufgaben mit geringem Mehrwert verlängert die Aufenthaltsdauer, führt zu Unterbrechungen und geistiger Erschöpfung. Dies verringert rechnerisch die Zeit, die für Überlegungen zur Diagnose zur Verfügung steht, sowie natürlich die Zeit für Patientinnen und Patienten.
Welche konkreten Änderungen würden Sie im Arbeitsalltag spürbar entlasten? Wenn Sie eine bürokratische Vorgabe sofort abschaffen könnten – welche wäre das?
Während eines meiner Stages im Spital Biel arbeiteten die Sekretärinnen im selben Büro wie die Ärztinnen und Ärzte. Ein direkter Kontakt über den Schreibtisch hinweg ist viel effizienter als ein Telefonanruf oder eine E-Mail. Die delegierten Aufgaben waren umfangreicher als anderswo: zum Beispiel mehrere standardisierte Gedächtnis- oder Blutdrucktests, die aus Zeitmangel oft seltener durchgeführt wurden, als wir es uns wünschten. Die Erfahrung der fest angestellten Sekretärinnen half auch den Assistenzärzten und -ärztinnen, die zu einer neuen Rotation kamen, sehr dabei, die mit diesem Bereich verbundenen Verwaltungsaufgaben zu verstehen.