Bereits 2019 waren weltweit Infekte mit resistenten Bakterien die Ursache von 1,27 Millionen Todesfällen und bei weiteren 4,9 Millionen Todesfällen assoziiert [1]. Im Vergleich dazu sterben jährlich auf globaler Ebene bis zu 650000 Menschen an einer Influenzainfektion [2], 630000 Menschen an HIV/AIDS und 1,23 Millionen Menschen an Tuberkulose (2024) [3]. Letztere gilt als die tödlichste Infektionskrankheit – aus der Perspektive des «single infectious agent» betrachtet. Im Vergleich zu den nichtübertragbaren Krankheiten sind die Zahlen ebenfalls beeindruckend. Lungenkrebs – als häufigste onkologische Todesursache – fordert jährlich 1,8 Millionen (2020) [4] und die ischämische Herzkrankheit 8,9 Millionen Menschenleben (2022) [5]. Schätzungen zufolge dürfte die Anzahl der jährlichen Todesfälle, die auf resistente Erreger zurückzuführen sind oder mit ihnen assoziiert sind, bis 2050 10 Millionen betragen [6]. Solche Prognosen müssen mit einer gewissen Vorsicht zur Kenntnis genommen werden, da die Daten global gesehen lückenbesetzt sind und modelliert wurden.

Falscher Antibiotikaeinsatz

Haupttreiber der Entwicklung antimikrobieller Resistenzen (AMR) ist der fälschliche Gebrauch von antimikrobiellen Medikamenten beim Menschen, Tier und in der Umwelt [7]. Länder mit tiefem und mittlerem Einkommen sind von der Problematik am stärksten betroffen [8]. In der Schweiz zeigt sich eine ebenfalls signifikante Zunahme der AMR, wobei die Trends erregerspezifisch betrachtet teils rückläufige, teils steigende Tendenzen haben [9]. Im europaweiten Vergleich haben wir in der Schweiz einen relativ tiefen Antibiotikaverbrauch. Die Deutschschweiz imponiert in diesem Vergleich sogar mit dem tiefsten Verbrauch. In der Romandie und im Tessin zeigen sich höhere Zahlen [10].
Die Gründe hierfür sind wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. Die Reflexion dieser Daten wirft viele Fragen auf. Was ist unser Ziel, und woran sollen wir uns messen? Welche Kennzahlen spiegeln die Qualität unserer Massnahmen? Sind wir bereits gut genug? Verdient das Thema AMR-Ressourcen in einem Gesundheitssystem, das durch kostensparende Massnahmen gefordert ist, genügend Aufmerksamkeit? Ist eine gesetzliche Grundlage zur Bekämpfung von AMR, wie in der aktuellen Revision des Epidemiengesetzes vorgesehen, sinnvoll? Oder wäre diese gesetzliche Verankerung eine kontraproduktive Mikroregulation, die in der Bekämpfung eines so komplexen und dynamischen Problems eher hinderlich ist? Das Thema beschäftigt zudem nicht nur die Humanmedizin, sondern als klassisches One-Health-Problem auch die Bereiche der Umwelt und der Veterinärmedizin. Die Komplexität kann abschreckend sein und mit Blick auf den eigenen Handlungsspielraum herausfordern.

Spannungsfeld Antibiotikaverschreibung

Dabei gibt es für uns Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz durchaus die Möglichkeit, sich im klinischen Alltag für die Bekämpfung der AMR zu engagieren und dadurch die Behandlung für die Patientinnen und Patienten zu verbessern, und dies mit belegtem Effekt der Kosteneinsparung. Da auch de-implementierende Massnahmen wichtig sind, besteht dieses Engagement manchmal darin, bestehende «Aktionen» wegzulassen. Es braucht einen Effort, um Praktiken, die ineffizient, inadäquat und sogar schädlich sind, zu stoppen. Es gibt eine klare Verbindung zwischen Verschreibungsrate und Aufkommen von Resistenzen [11]. Eine im Juni 2025 publizierte Studie mit Schweizer Daten aus dem Sentinella-Netzwerk zeigt, dass jede fünfte Verschreibung in der Grundversorgung von den nationalen Empfehlungen abweicht, insbesondere bei Pharyngitis und Sinusitis [12]. Ärztinnen und Ärzte der Grundversorgung befinden sich in einem Spannungsfeld der Entscheidungsfindung mit diagnostischer Unsicherheit, Leitlinien, Wünschen von Patientinnen und Patienten, Komorbiditäten, Allergien, Unverträglichkeiten und Zeitmangel.

Hilfestellung und Verbesserungsmöglichkeiten

Das Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) hat im Wissen dieser Herausforderungen für die häufigsten Infekte konzise Leitlinien erarbeitet mit speziellem Augenmerk auf das Risiko-NutzenVerhältnis einer antibiotischen Behandlung. Zudem wurden grafisch einschlägige Faktenblätter für das «shared decision making» mit den Patientinnen und Patienten erarbeitet. Die Leitlinien und Faktenblätter sind auf der Website des BIHAM frei verfügbar [13]. Informationsquelle ist auch die «Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR)» des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), wo es zudem die Möglichkeit gibt, kostenloses Promotionsmaterial für die Sensibilisierung der Patientinnen und Patienten zu bestellen [14].
Eine weitere wichtige Ressource ist ANRESIS, das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen. Es überwacht repräsentativ Antibiotikakonsum und Antibiotikaresistenzen und stellt auch ein wichtiges Instrument für die Forschung dar. Im frei zugänglichen ANRESIS-­Guide befinden sich aktuelle Resistenzdaten, die sich auf Patientengruppe und Region filtern lassen. Zudem sind die Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie (SSI) integriert [15]. Diese können auch direkt online über die Website der SSI abgerufen werden [16]. Seit 2024 koordiniert das Kollegium für Hausarztmedizin unter anderem mit ANRESIS, BAG (StAR), Universitäten, Instituten der Hausarztmedizin das nationale Projekt «ASAP – Antimicrobial Stewardship in Ambulatory care Platform» [17].
Stewardship ist eine systemische Herangehensweise, Fachwissen und Unterstützung mittels konkreten Sets an Aktionen an die Gesundheitsfachpersonen und Institutionen heranzutragen. Die Stewardship ist auch im ambulanten Bereich wichtig, zumal 87 Prozent der Antibiotika im ambulanten Sektor verschrieben wurden [18].

Antibiotika in Alters- und Pflegeheimen

Die Infektionen sind mit eins bis zwei Episoden pro Jahr und pro Bewohnende in Alters- und Pflegeheimen (APH) häufig und gehen mit einer erhöhten Mortalität einher. Die Anamnese kann nur eingeschränkt erhebbar sein, typische Leitsymptome fehlen, und Entzündungsparameter können irreführend tief sein oder nur verzögert ansteigen [19]. Im OECD-Report wird erwähnt, dass bis zu 75 Prozent der Antibiotikaverschreibungen in APH unangemessen sind und dass die Resistenzraten in diesem Kontext entsprechend erhöht sind [20]. Die Versorgung in den APH ist äusserst heterogen, was Forschung und Projekte in diesem Kontext herausfordernd macht. Im Kanton Waadt wurde für die APH eine eigene Leitlinie erarbeitet, die online zur Verfügung steht [19]. Diese ist vor allem auf die klinische Einschätzung und mikrobiologischen Abklärungen aufgebaut. Die Bestimmung von Entzündungsparametern zeigt aber zumindest für respiratorische Infekte auch in dieser Patientengruppe einen zusätzlichen Nutzen zur sicheren Reduktion der Antibiotikaverschreibungen [21]. Zudem werden in Zukunft möglicherweise auch Point-ofCare-Ultraschalluntersuchungen in APH ein hilfreiches Werkzeug sein. Besonders wichtig ist es, bei älteren oder polymorbiden Patientinnen und Patienten im Rahmen der Patientenverfügung zu besprechen, ob je nach Entwicklung der Lebensqualität eine antibiotische Therapie überhaupt gewünscht wäre oder ob bei einem Infekt eine symptomlindernde Therapie präferiert würde.

Antibiotika im stationären Setting

Wenn man die Problematik aus dem Blickwinkel des «Health Burden» betrachtet, ist es auch wichtig, in den stationären Bereich zu blicken. 75 Prozent des «Health Burden», die durch resistente Bakterien verursacht wird, erfolgen im Rahmen von nosokomialen Infekten [22]. Auch im stationären Kontext lohnen sich Stewardshipaktivitäten. Es gibt bereits einige Spitäler in der Schweiz die Antimicrobial-Stewardship-Programme (ASP) etabliert haben. Die Projektpartnerschaft StAR-3 besteht aus Swissnoso, der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie (SSI), ANRESIS, der Schweizerischen Gesellschaft für Spitalhygiene (SGSH), dem Schweizerischen Verein der Amts- und Spitalapotheker (GSASA), der Schweizerischen Gesellschaft für Mikrobiologie (SGM) und der FMH.
Diese haben zur Implementierung von Antimicrobial Stewardship ein Handbuch erarbeitet, das konkrete Hilfestellung zum Aufbau eines ASP bietet [23]. Wichtig ist, von Beginn an die Geschäftsleitung der Spitäler miteinzubeziehen mit Betonung der nachgewiesenen Kosteneffizienz und kosteneinsparenden Effekten der ASP [24]. Weitere wichtige Faktoren, die auf globaler politischer Ebene angegangen werden sollten, sind die internationale Vernetzung und die Förderung der Entwicklung neuer antimikrobieller Substanzen. Im Zugang und in der Entwicklung von neuen Antibiotika wird vonseiten WHO von einer Krise gesprochen [25]. 
1 https://www.who.int/news-room/factsheets/detail/antimicrobial-resistance
2 https://www.who.int/europe/de/newsroom/feature-stories/item/there-is-onecertainty--there-will-be-another-flu-pandemic-in-the-future---an-expert-warns
3https://www.who.int/newsroom/factsheets/detail/tuberculosis#:~:text=Key%20facts,top%2010%20causes%20of%20death.
4 https://www.who.int/news-room/factsheets/detail/lung-cancer
5 Wang Y, et al. Global trends in the burden of ischemic heart disease based on the global burden of disease study 2021: the role of metabolic risk factors. BMC Public Health. 2025;25(1):310
6 Antimicrobial Resistance Collaborators. Global burden of bacterial antimicrobial resistance 1990–2021: asystematic Analysis with forecasts to 2050. Lancet. 2024;404(10459):1199-1226
7 https://www.who.int/news-room/factsheets/detail/antimicrobial-resistance
8 Global antibiotic resistance surveillance report 2025: WHO Global Antimicrobial Resistance and Use Surveillance System (GLASS): summary. Geneva: World Health Organization; 2025. https://doi.org/10.2471/ B09585. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO.
9 https://www.anresis.ch/de/antibiotikaresistenz/resistance-data-human-medicine
10 https://www.anresis.ch/de/antibiotikaverbrauch/humanmedizin-ambulant
11 Holmes AH, et al. Understanding the mechanisms and drivers of antimicrobial resistance. Lancet. 2016;387(10014):176-87
12 Dunaiceva J, et al. Do Swiss family physicians prescribe antibiotics in line with national guidelines? A cross-sectional study. Swiss Med Wkly. 2025;155:4234
13 https://www.biham.unibe.ch/entscheidungshilfen/therapie/index_ger.html
14 https://www.star.admin.ch/de/star-im-humanbereich
15 https://guide.anresis.ch/human-bacteria?filters=%5b%5d
16 https://ssi.guidelines.ch
17 https://khm-cmpr.ch/asap_de
18 https://www.anresis.ch/de/antibiotikaverbrauch/humanmedizin-ambulant
19 https://guide-ems-hpci.ch/personnes-agees
20 Eze N, et al. «Antimicrobial resistance in long-term care facilities. OECD Health Working Papers No. 136, 2022.
21 Boere TM, et al. Effect of C reactive Protein point-of-care testing on antibiotic prescribing for lower respiratory tract infections in nursing home residents: cluster randomised controlled trial. BMJ 2021; 374:n2198
22 Antimicrobial Resistance: Tackling the
Burden in the European Union. OECD Briefing note for EU/EEA countries, 2019.
23 https://www.swissnoso.ch/forschung-entwicklung/umsetzung-star/handbuch-ersteausgabe-pdf
24 Stemming the Superbug Tide: Just A Few Dollars More. OECD Health Policy Studies. 2018
25 https://www.who.int/news-room/factsheets/detail/antimicrobial-resistance